Hercules And Love Affair - Blue Songs - Cover
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Hercules And Love Affair Blue Songs


  • Label: Cooperative/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 57 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Nicht wenigen war klar, dass ein Nachfolger des in aller Disco-Munde befindlichen Hercules And Love Affair-Debüts ohne Antony Hegarty’s sirenengleicher Falsett-Stimme und Nomi Ruiz femininer Gesangszuarbeit schwierig werden könnte. Nun sind vom Debüt tatsächlich lediglich Kopf Andrew Butler und Sängerin Kim Ann Foxmann übrig geblieben, Hegarty’s stimmliche Präsenz fehlt tatsächlich spürbar, eine regelrechte Veredelung der Hälfte der Albumsongs fällt also weg.

Dass also ohne den zu Recht ewig hoch gepriesenen, hermaphroditischen Gesangsgott unserer Tage einem neuen Hercules-And-Love-Affair-Album irgendwie etwas Entscheidendes fehlen könnte, war, kurz gesagt, mit Ansage zu prognostizieren. Um so sympathischer schließlich, dass Andrew Butler mit seiner Band den Sprung weg von den Erfolgsrezepten konsequent wagt. Außer Kim Ann Foxmann’s gewachsenere Gesangsrolle gibt es durchweg neue Sänger, einen neuen Produzenten, und vielleicht am Wichtigsten, den emanzipatorischen Weggang vom Mutter- und Erfolgslabel DFA-Records, welches von New York aus unermüdlich mit den Flagschiffen The Rapture und LCD Soundsystem, aber auch vielerlei sympathischen Fußsoldatenbands, wie etwa Radio 4, alle erdenklichen Spielarten von Disco nach heutigem Verständnis unter die Radiowellen dieser Welt zu bringen versucht.

London’s Own Moshi Moshi ist die neue Heimat geworden, auch zog sich Produzent und ewiger Big Apple-Szene-DJ Butler aus New York in die Gefilde seiner Herkunft nach Colorado zurück. An Ernsthaftigkeit ohne den Hegarty-Bonus und ohne die helfenden DFA-Beziehungen sich emanzipieren zu wollen mangelt es also Butler definitiv nicht. Und so präsentiert sich „Blue Songs“ als emanzipatorischer Schritt, dass zwar bisweilen deutlich hinter dem furiosen Debüt zurückbleibt, dennoch aber gute Momente des Zitate-Pop zu zelebrieren weiß.

Zitate-Pop ist dabei der Dreh und Angelpunkt allen Schaffens Butler’s. Er ist nun einmal zuerst als DJ und erst dann als Bandleader zu Erfolg gekommen. Selbstredend der frühe Disco-House aus Chicago, die gefühlsüberbordende Disco-Theatralik der 80er Jahre, ganz viel Pet Shop Boys und versteckte Verweise für die Vinyl-Nerds traben gemächlich auf „Blue Songs“ durch das sentimentale Tanzgemüt. Mal gelungen wie in „Painted Eyes”, dem mit erfrischend gekonnten Nonsens-Vokabeln angereicherten „My House“ oder dem Funk-Verweis „Answers Come In Dreams“, mal ermündend und tendenziell aufgegossen, wie in „Leonora“, dem Titelsong oder „Boy Blue“.

Des Weiteren ruft „Falling“ das Disco-Revival in ein wenig zu authentischer Weise auf den Plan, „I Can’t Wait“ tanzt gut daher und Bloc-Party-Sänger Kele Okereke sorgt für poppigen Pep auf dem relativ lahmen „Step Up“, bevor das Sterling Void-Cover „It’s Alright“, das schon die Pet Shop Boys rezitierten, diesen Zitate-Entwurf in melancholisch-optimistischer Manier abschließt.

Man muss die Soul-, Funk- und House-Disco schon in ähnlicher Weise lieben wie Butler; den alten 80er Hits der Pet Shop Boys wehmütig nachblicken und im Allgemeinen einen Hang zu, man möchte sagen, modisch bewusster Melancholie haben um das zweite Hercules-And-Love-Affair-Album umfassend zu lieben. In welcher Weise Hegarty’s stimmliche Präsenz in der Lage ist Musik zu dominieren und schlicht besser zu machen verdeutlicht „Blue Songs“ ungewollt auf etwas tragische Weise. Der Versuch, also, ist streckenweise ganz gut, das Ergebnis aber insgesamt nicht annähernd gut genug.

Anspieltipps:

  • Painted Eyes
  • My House
  • Answers Come In Dreams
  • It’s Alright

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