PJ Harvey - Let England Shake - Cover
Große Ansicht

PJ Harvey Let England Shake


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 40 Minuten
Artikel teilen:
7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Polly Jean Harvey achtes Studioalbum ist erneut eine veritable Überraschung. Nachdem „White Chalk“ ihre Tendenz der letzten Jahre ins Abstrakte, durchaus auch Vertrackte, zu gehen auf einen bisherigen Höhepunkt brachte und das Seelenunheil ihrer eigenen Person in künstlerisch beängstigend guter Fremdartigkeit darzustellen vermochte, geht sie nun mit „Let England Shake“ in eine ihr völlig unbekannte Richtung.

So sehr sich ihr Sound vom typischen Alternative Rock weiblicher Prägung der 90er Jahre zu einem eigenständigen und unberechenbaren Harvey-Klangkosmos auswuchs im Verlauf ihrer musikalischen Karriere, immerhin eine Konstante blieb doch: Harvey sang nur über Harvey oder besser: über Harveys Leben. Eine Künstlerin mit aktivem gesellschaftlichem Engagement war sie noch nie.

Bis jetzt. „Let England Shake“ ist eine politische Brandbombe, ein Anschlag auf den Zustand ihrer Heimat England. Das gerade erst für „White Chalk“ erlernte Pianospiel wird weitgehend verbannt. Insgesamt gebiert sich das Songwriting wieder Folk-haftiger. Aber vor allem: Die Harvey besingt den von ihr diagnostizierten gesellschaftlichen Missstand ihres Mutterlandes. Direkt, unverblümt und in einem Konzeptalbum dessen Name Programm ist. „Englands dancing days are gone“ heißt es gleich zu beginn und man glaubt verwirrt seinen Ohren nicht recht, wenn im weiteren Verlauf die Anrufung der UNO als politisches Mittel der Bürgerwehr angedroht wird („The Words That Maketh Murder) und postuliert wird, dass in der adäquaten Erziehung Englands einzig Frucht, der Kinder, zukünftiges Gesellschaftsheil liege („The Glorious Land“). Töne die man von der Harvey wahrlich nicht kannte bisher.

Dabei gibt der Entstehungsprozess ihres achten Albums einen guten Hinweis auf die Heimatlastigkeit der Albumkonzeption. Die unter anderem in Dorset aufgewachsene Harvey mietete sich eine alte Kirche aus dem 19. Jahrhundert in eben jenem Fleckchen Südwestenglands, um in ihr das Material für „Let England Shake“ aufzunehmen. Konflikte, Kriege oder der Zustand des Landes werden schonungslos angeprangert und bewertet, die englische Politikerschar kommt dabei durchgehen sehr schlecht weg und muss sich stellenweise regelrecht beschimpfen lassen. Eine gewisse Spontaneität wohnt den strukturell einfachen, aber klangtechnisch mit vielen Spielereien veredelten Songs inne, Xylophon, Trompeten und eine Autoharp fächern buntes Treiben in die ambitionierten Anprangerungen und lassen ihre Musik somit nicht in die Nähe einfachen Polit-Pops mit der Akustikgitarre unterm Arm erscheinen.

Als Konzeptalbum folgerrichtig hebt sich kein Song stark hervor aus „Let England Shake“ (außer vielleicht das manisch schöne „All And Everyone“), die Botschaft geht dieses Mal über die Gefühlsverarbeitung mittels Musik weit hinaus: Polly Jean Harvey will wachrütteln, am gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess ihres Heimatlandes mitwirken und vielerlei Dinge in eine aus ihrer Sicht bessere Richtung lenken. Alles in allem eine Revolution in Harveys bisherigem Schaffen und zwar eine gelungene.

Anspieltipps:

  • All And Everyone
  • My House
  • Answers Come In Dreams
  • It’s Alright

Neue Kritiken im Genre „Indie-Rock“
Diskutiere über „PJ Harvey“
comments powered by Disqus