Amplifier - The Octopus - Cover
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Amplifier The Octopus


  • Label: AmpCorp
  • Laufzeit: 120 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Nach einer langen Pause, bedingt durch Pech und Pleiten, haben sich Amplifier für den Alleingang entschieden, ihr Album also unabhängig von einer Plattenfirma selbst auf den Markt zu werfen. Während der 5 Jahre haben sie sehr viel Zeit im Proberaum verbracht, nachts, improvisiert über Stunden. Sie sammelten so viele Ideen, dass es ein Doppelalbum werden sollte, dabei wuchs ständig die Vorstellung, die Größe und der Hintergrund zu einem nicht greifbaren Überkonzept und der Überzeugung etwas wirklich Großes geschaffen zu haben. Nun müssen „nur“ noch die Hörer von der Größe des Werks überzeugt werden. Mit eigen ausgedachten PR- und Marketing-Tricks soll „The Octopus“ nicht nur beworben und besser verkauft werden, es soll zu etwas Größerem stilisiert werden als es wirklich ist. Die Idee ist simpel und gut an die moderne Internetgesellschaft angepasst, eine eigene Info-Seite gibt es natürlich auch. Wenn genug Leute bei den Aktionen mitmachen, könnte die moderne Mund-zu-Mund Propaganda, lies facebook und youtube, funktionieren.

Mit einem Oktopus (achtarmiger Tintenfisch) wird gerne ein Riesenkalmar verbunden (wenn auch falsch weil dies ein zehnarmiger Tintenfisch ist) und um diesen rangen sich seit Jahrhunderten Legenden und Mythen. Eine gute Voraussetzung für die Erschaffung eines Musikmythos, denn der musikalische „The Octopus“ soll eine Schnittstelle zwischen fassbaren und unfassbaren Erlebnissen sein, ein Weg der Erkenntnis, den jeder von uns in seinem Leben bestreitet. Sel Balamir hat hierzu eine Abhandlung geschrieben, die auf verblüffende Art und Weise Physik und menschliches Handeln logisch verknüpft. Ein kleines Beispiel: „Chaos ist eine Art Lärm. ein Gehirn ist ein Instrument, um Gleichklang im Lärm zu finden.“

Die Acht dominiert. Der Oktopus beinhaltet die Acht bereits im Namen, den acht Armen entsprechend sind acht Songs auf jeder CD enthalten. Die Stücke sind überwiegend sehr lang, geradezu episch. Sie wechseln zwischendrin gerne mal die Stimmung wie explodierende Rockarien, wabern aber auch oft einige Minuten nachdenklich vor sich hin, so als ob sie sich in Raum und Zeit verlieren. Sie klingen dabei wie die Weiten des Weltalls oder in diesem Fall doch eher wie die Tiefen des Ozeans. Wen wundert es da noch, dass diese omnipräsente Acht bei der Änderung unseres Blickwinkels zur Unendlichkeit mutiert. Die erste CD ist abwechslungsreicher und leichter im Empfang, sie mäandert mehr zwischen laut und leise, während die zweite dichter und komplexer ist, aber dafür sogar einige orientalische Motive bietet („The Sick Rose“).

Die drei in Manchester ansässigen Herren haben musikalisch vieles daran gesetzt den Charme einiger überaus erfolgreicher Werke auf „The Octopus“ zu übertragen. Der Beginn mit „The Runner“ ist wohl eine tiefe Verbeugung vor Pink Floyd und deren Meisterleistung „The Dark Side Of The Moon“. Die Bassgitarre windet und klagt besonders in „White Horses At Sea“ wie es schon lange im Rock/Metal nicht üblich war, eigentlich seit der Zeit von Cliff Burton, als bei Metallica der Bassist noch als Musiker galt und nicht der Typ, der mit Musikern abhängt. Zwei Songs bestehen aus jeweils zwei Teilen, die nicht wirklich zusammengehören, aber was tut man nicht alles fürs große Ganze. Außerdem wirken diese Anhängsel eher wie kleine undefinierte Zwischenteile jeweils vor dem großen Finale jeder CD. In diesen Schlusstracks lassen Amplifier erfreulicherweise ihrer Musik ein wenig mehr freien Lauf, sie entwickelt sich hin zu einem mehr improvisierten Charakter, der eine angenehme Kulminationswirkung entfaltet.

Was dem Hörer letztendlich gefallen wird, ist eine Frage aus welcher Musikecke er kommt. Den einen werden mehr die strikteren Rocksongs ansprechen, den anderen die mehr sphärischen und sich wandelnden Stücke. Noch entscheidender ist ob der Hörer sich öffnen kann für diesen langsam seine Wirkung entfaltenden 120minütigen Musiktrip und die Neugierde aufrecht erhalten kann um sich das Doppelalbum zu erarbeiten. Es ist zwar lang aber keineswegs ausladend, genug Melodien sind schon beim ersten Hördurchgang auszumachen. Seine Essenz zu Tage zu fördern bedeutet Erkenntnis erlangen und, wer weiß, vielleicht ist „The Octopus“ tatsächlich viel größer als es alle wahrhaben wollen. Sel meint „Musik ist von Natur aus irrational“, nur gut das Nietzsche behauptet hat „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“.

Übrigens: Wer Amplifier mag, sollte sich das 2009 zum 10jährigen Jubiläum der Band erschienene Minialbum „Eternity“ besorgen. Gibt es nur auf der Bandseite.

Anspieltipps:

  • Minion’s Song
  • The Wave
  • The Octopus
  • White Horses At Sea
  • The Sick Rose
  • Fall Of The Empire
  • Forever And More

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