Die Apokalyptischen Reiter - Moral & Wahnsinn - Cover
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Die Apokalyptischen Reiter Moral & Wahnsinn


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 37 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Seit 15 Jahren jagen Die Apokalyptischen Reiter über Europas Bühnen und durch die CD-Player. Nachdem sie anfangs in Richtung Metal in all seinen Facetten unterwegs waren, wurde mit jeder Veröffentlichung die Bandbreite der Thüringer größer. In ihren eigentümlichen Stil wurden u.a. Einflüsse lateinamerikanischer und arabischer Musik integriert. Als 2008 der Longplayer „Licht“ bis auf Platz 29 der deutschen Charts stieß, entbrannte unter den Fans eine Diskussion ob die „Apos“, wie sie von ihren Fans genannt werden, zum Mainstream übergegangen sind.

Diese Diskussion dürfte mit „Moral & Wahnsinn“, wie üblich von Vincent Sorg in den Principal Studios perfekt aufgenommen, ihre Fortsetzung finden. „Die Boten“ der Apokalypse beginnen mit galoppierenden Drums und Hochgeschwindigkeitsgitarren, dann ein Break und der Song wird balladesk, Sänger Fuchs vergleicht seine Reiter mit diversen Göttern und stellt sie in eine Reihe mit denselben. Nach einem ruppigen Zwischenstück und einer ruhigen Strophe endet der Opener mit spanischen Flamencogitarren. Der Ideenvielfalt in diesem Track sind keine Grenzen gesetzt, passend zum Text, der die Band in eine Reihe mit Göttern stellt und sie als Verkünder einer neuen Zeit bezeichnet. Trotz aller Vielfalt ist „Die Boten“ allerdings ein eingängiges Stück Rockmusik geworden.

Nach einem Ausflug zu tanzenden Derwischen („Gib dich hin“ wartet mit einem arabischen Zwischenspiel auf), wird man von einer bluesigen Melodie in „Hammer und Amboss“ eingeführt, gepaart mit cleanen Vocals von Sänger „Fuchs“. Im Refrain wird der Rockhammer kräftig auf den Amboss geschlagen, bis sich der Blues wieder durchsetzt. Das Instrumental mit teilweise dissonanten Klavierklängen, rauen Shouts und der durchdringenden Gitarre zeigt dann wieder die Flexibilität der Rocker. Eingängig ist das nicht, aber es sorgt für wohltuende Abwechslung.

Die Midtempo-Ballade „Dir gehört nichts“, die man ohne weiteres als Single in den Charts finden dürfte, wartet im Hintergrund mit Ska-Posaunen auf und versprüht enorm positive Kraft. Das dem Keyboarder gewidmete „Dr. Pest“ zeigt sich dann als ideales Beispiel für die Ironie, die viele Texte des Quintetts durchzieht. Gerade die Intonation der Textstelle „Stachel im Schoss“ ist eine recht offensichtliche Anspielung auf Rammstein. Während die erste Hälfte von „Dr. Pest“ eine unheimliche und bedrohliche Stimmung erzeugt, schraubt sich die zweite Hälfte in orchestrale, zugleich aber auch gewaltig wummernde Rock-Höhen. Diesen Track als erste Single zu veröffentlichen ist ein Wagnis, denn er verlangt dem Hörer eine Menge ab. Vielleicht ist es aber auch nur ein Schachzug, um Kritikern die Breitseite zu zeigen, dass sie absichtlich ein kaum chartkompatibles Lied zuerst auf die Hörerschaft loslassen. Das titelgebende „Moral & Wahnsinn“ ist musikalisch dann eher ein langweiliger Song, dort sollte man aber auf den Text achten. Wie nah beieinander die beiden Gegenpole liegen wird plausibel dargelegt.

Bei „Erwache“ wird die spieltechnische Limitiertheit der Erfurter überdeutlich. Das Riff ist eins zu eins von „Gib dich hin“ abgeschaut. Das Strickmuster Laut-Leise-Laut-Instrumental (gelegentlich mit ungewöhnlicher Instrumentierung) durchzieht fast das gesamte musikalische Material. Ebenso, dass fast jeder Wechsel zum selben Zeitpunkt innerhalb eines Tracks geschieht. Bei vielen Bands würde man hier abschalten, viele kleine Details die versteckt werden, machen dann doch die Eigenständigkeit der Band aus.

Überraschenderweise werden bei „Heimkehr“ sehr ruhige Töne angeschlagen. Das orchestrale Kleinod könnte man sich auch gut als Hintergrund in einem Hollywood-Romantik-Blockbuster vorstellen. Das auf jedem Album obligatorische Fan-Lied „Wir reiten“ entpuppt sich als Rock-Nummer mit Popappeal, der Teufel steckt hier im textlichen Detail. Die unverblümte Sozialkritik sollte eigentlich jeden wachrütteln. Geweckt wird man dann mit dem in Richtung Industrial schlagenden „Hört auf“, anstrengend und garantiert nicht Massen-tauglich. Nach ca. zwei Minuten bricht der Track ab und setzt sich mit einem an Pink Floyd gemahnenden Instrumental fort, welches in den letzten 15 Sekunden doch wieder einem Industrialpart weichen muss.

Der Rausschmeißer „Ein liebes Lied“ irritiert in der ersten Minute mit einer Melodie und Intonation, die eher an Unheilig erinnert, doch dann baut sich Reiter-typisch eine Rockhymne auf, die im Radio rauf und runter laufen könnte.

Unvergesslich wird dieses Album sicher nicht sein. Neben ein paar schwachen Momenten überwiegen die starken deutlich. Dabei gelingt es den Reitern erneut eine CD zu erschaffen, die wie gehabt polarisieren wird. Dass jedes Lied in Radiotauglicher Länge verbleibt, mag eine Annäherung an den Mainstream sein. Vor allem „Dir gehört nichts“ und „Ein liebes Lied“ haben Hitpotenzial. Auf der anderen Seite haut „Hört auf“ dem 08/15-Charthörer mächtig auf die Ohren. Die Fans werden es lieben, die Kritiker zwiespältig sehen.

Anspieltipps:

  • Die Boten
  • Dir gehört nichts
  • Hört auf

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