The Low Anthem - Smart Flesh - Cover
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The Low Anthem Smart Flesh


  • Label: Cooperative/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 46 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
4/10 Leserwertung Stimme ab!

Ruft man sich „Oh My God, Charlie Darwin“ (2009), das zweite Album von The Low Anthem ins Gedächtnis zurück, denkt man an altmodischen, meist auf fragile Weise vorgetragenen Americana und Folk. Man erinnert sich an mehrstimmigen Gesang, Mundharmonika, Banjo, Akustikgitarren und an die von Song zu Song vollkommen unterschiedlichen Stimmungs- und Lautstärkewechsel, wenn z.B. auf das fast geflüsterte „To Ohio“ auf einmal ein stampfend-schrulliges „The Horizon Is A Beltway“ geschreddert wurde. Vor allen Dingen war da jedoch diese Stimme von Ben Knox Miller, die er nicht nur in ungeahnte Höhen werfen, sondern im nächsten Moment wie eine Verwandte von Tom Waits erklingen lassen konnte.

Auf dem nun erscheinenden „Smart Flesh“ sind eigentlich wieder fast alle typischen Merkmale der Band zu hören, nur Miller, der will nicht mehr röhren. Was sehr schade ist, bedenkt man, dass der Band damit eindeutig ein Alleinstellungsmerkmal verloren gegangen ist. Nein, auf dem neuesten Album von The Low Anthem sollen weder Stimme noch Instrumente im Mittelpunkt stehen: Es ist die Produktion, die aus dem elfteiligen Stück Musik hervorsticht. Denn die Aufnahmen zu „Smart Flesh“ haben in einer riesigen, leer stehenden Fabrik stattgefunden, dessen starke Halleffekte genutzt und in der Mikrofone in großer Entfernung aufgestellt werden konnten. Kein Wunder, das Miller die Produktion gar als eigentliches Hauptinstrument benennt.

Schon auf „Oh My God, Charlie Darwin“ war der Großteil der Songs den eher leisen, den langsamen Tönen gewidmet. Auf „Smart Flesh“ ist jedoch einfach alles entschleunigt: Zum sowieso schon ganz bedächtig-sanft voranschreitenden Songwriting tut die Produktion ihr übriges: Da der genannte Halleffekt in den Fokus gerückt werden soll, werden häufig nur einzelne Töne angespielt und Songs in einen geruhsamen Schwebezustand versetzt. Der entstehende Raum, der den Stücken gewährt wird, ist besonders gut nachzuhören bei „Ghost Woman Blues“ oder „Smart Flesh“. Schon beim völlig unvermittelt mit Klavier einsetzenden Eröffnungsstück wird deutlich, dass sich The Low Anthem viel Zeit in den folgenden 46 Minuten lassen werden.

Es sind nebst Gitarre, Klavier, Banjo und Mundharmonika auch hier wieder eine Reihe Instrumente benutzt worden, die einem nicht täglich vorgesetzt werden: Immer wieder erklingt eine Klarinette („Wire”) und im abschließenden „Smart Flesh“ wird sogar eine deutlich zu hörende Maultrommel verwendet. Songs wie „Apothecary Love“ sind stark country-lastig geraten, „Boeing 737“ und „Hey, All You Hippies!“ sind die einzigen Songs, die auch mal ein bisschen Fahrt aufnehmen und so zumindest für etwas dynamische Abwechslung sorgt. Ansonsten hat „Smart Flesh“ große Probleme, die Spannung aufrecht zu halten und somit die Aufmerksamkeit des Hörers nicht zu verlieren. Es gibt eine Reihe von Bands, die mit nur wenigen Tönen unwiderstehliche Spannungen erzeugen können, The Low Anthem gehören jedoch nur bedingt dazu. So sind die Schwächen von „Smart Flesh“ in jedem Fall auf Nachlässigkeit im Songwriting zurückzuführen (z.B. „Love And Altar“, „I'll Take Out Your Ashes“).

Und auch wenn die Produktion der eigentliche Star des Albums sein soll, geht diese Rechnung nur bedingt auf, denn ohne gute Songs bringt auch die ausgefallenste Aufnahme nichts. So gibt es auf „Smart Flesh“ eine Reihe schöner, manchmal sehnsüchtiger und berührender Songs zu hören („Ghost Woman Blues“, „Smart Flesh“), ein bisschen Krach („Boeing 737“, „Hey, All You Hippies!“) und dazwischen leider auch eine ganze Zeit Langeweile („Love And Altar“, „Wire“, „Matter Of Time”).

Anspieltipps:

  • Ghost Woman Blues
  • Boeing 737
  • Hey, All You Hippies
  • Smart Flesh

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