Radiohead - The King Of Limbs - Cover
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Radiohead The King Of Limbs


  • Label: Beggars/INDIGO
  • Laufzeit: 37 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Bereits jetzt scheint sich abzuzeichnen, dass das Album nicht so gepriesen werden wird wie seiner Vorgänger.

Radiohead haben ein Faible dafür entwickelt, mit ihren Fans ein wenig zu spielen oder sie zumindest im Dunkeln tapsen zu lassen. Es wurden zwar im Vorfeld zur Veröffentlichung von „The King Of Limbs“ zwischenzeitlich immer wieder kleine Hinweise gestreut, dass an einem neuen Album gearbeitet werde, einen genauen Veröffentlichungstermin wusste jedoch niemand. Irgendwann 2011 solle es erscheinen, hieß es. Es folgte eine urplötzliche Nachricht: „Thank You For Waiting“, ein neues Album solle in wenigen Tagen erscheinen. Dieses mystifizierende Katz-und-Maus-Spiel hat einerseits natürlich für beide Seiten ihren Reiz, baut andererseits aber auch immense Erwartungshaltungen auf, lässt Fans nervös werden, die schließlich nicht den Hauch einer Ahnung haben, wie das neue Werk klingen wird. Es bleibt spannend, Erwartungshaltungen werden jedoch nicht immer erfüllt. Wollen Radiohead auch gar nicht, haben sie aber auch überhaupt nicht nötig.

In dem Moment, als „The King Of Limbs“ angekündigt wurde, spielte die Blogosphäre verrückt, Foren quillten über und auch die Medien reihten sich ein: Der Guardian legte sogar einen Liveticker zur Albumveröffentlichung an. Die Vertriebsidee von „In Rainbows“ (2007), bei der man selbst den Preis bestimmen konnte, wurde fallen gelassen. Stattdessen gibt es den Download zum festen Preis, ein regulärer physischer Release soll folgen, genau wie das besondere Schmankerl für Fans, die Veröffentlichung als sogenanntes „Newspaper-Album“ mit vielen Extras.

Wie also ordnet man „The King Of Limbs“ ein? Mit einer kurzen Spielzeit von gerade mal 37 Minuten bei acht Stücken ist das Album zunächst sehr knackig geraten, wodurch der Einstieg schon mal einfach gerät. Das Album steht zwischen den Stühlen: Einerseits werden Stimmungen entworfen, die einem von Radiohead bekannt sind, die man mit ihnen assoziiert. Andererseits sind ein Großteil der Stücke einem songschreiberischen Prinzip unterworfen, dass man so tatsächlich noch nicht von ihnen gehört hat: Auffällig sind die jazzigen Anleihen der Lieder („Bloom“), die vielschichtige Electronica und Störgeräusche in Songs wie „Little by Little“, die progressive und abstrakte Ausgestaltung des gesamten Albums. Gitarren verstecken sich mehr und mehr in den nebulösen Schichten aus elektronischen Elementen und Loops („Morning Mr. Magpie“). Die fließenden Bassläufe („Lotus Flower“) und Thom Yorkes mal stark verhallte, mal verzerrte Stimme bilden einen ruhigen Gegenpol zu den nervösen sowie repetitiven (aber nicht ermüdenden) Drums („Feral“). Es sind überwiegend recht statische Songs; die großartigen Stimmungsumschwünge und Ausbrüche, die auf „In Rainbows“ noch vertreten waren (z.B. „All I Need“), sind hier einer gewissen Nüchternheit gewichen.

Zum Ende erfährt das Album einen kleinen Bruch, denn es folgen Stücke, die eher konzentriert klingen und auf weniger Instrumente reduziert sind. Das entfernt an „Videotape“ erinnernde „Codex“ braucht zum Beginn nicht mehr als Piano, kaum hörbare Effekte, einen leisen Beat im Hintergrund und Yorkes unverwechselbaren, zarten Falsettgesang. Später werden auf unfassbar elegante Weise Bläser dazugemischt. Ähnlich verhält es sich mit dem Song „Give Up The Ghost“, bei dem das Piano durch eine akustische Gitarre ersetzt wird. Es sind diese typischen radioheadschen Momente, die auch „The King Of Limbs“ zu einem hervorragenden Album machen. Es versprüht eine laid-back Atmosphäre, ist in seinen sich wiederholenden Rhythmen und Motiven fast schon meditativ. So bedeutet „The King Of Limbs“ zwar auf jeden Fall klar erkenntliche Stagnation, aber auch unüberhörbare Entwicklungen und Neuerungen. Bereits jetzt scheint sich abzuzeichnen, dass das Album nicht so gepriesen werden wird wie die Klassiker „OK Computer“ (1997), „Kid A“ (2000) oder auch sein Vorgänger „In Rainbows“. Zu Unrecht? Das kann nur die Zeit beantworten.

Anspieltipps:

  • Bloom
  • Morning Mr. Magpie
  • Lotus Flower
  • Codex

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