Jeniferever - Silesia - Cover
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Jeniferever Silesia


  • Label: Monotreme/CARGO
  • Laufzeit: 53 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Vor zwei Jahren gehörten Jeniferever zu den positiven Überraschungen des Musikjahres 2009. Die schwedische Truppe aus Uppsala gefiel mit sphärischer, ausladender Musik. Geradezu endlose Ebenen taten sich vor den Hörern auf, stiegen wie das Meer auf und ab und hinterließen einen wie eine Flaschenpost an einem neuen, unbestimmten Ort. Irgendwo zwischen Rock und elektronischen Klanglandschaften führte Kristofer Jönsons Stimme den Hörer hinauf in höchste Gefilde des Wohlseins. Passend dazu prangen auf dem Cover des neuen Albums „Silesia“ mächtige Berge, wie man sie in Deutschland nur aus dem Süden kennt. Da verwundert der Albumtitel zwar, da „Silesia“ an den Namen eines Bahnhofs in Schlesien angelehnt ist, aber das nennt man wohl künstlerische Freiheiten.

Besonders Kritiker feiern den wie gemalten Stil der Band seit ihres Erstlings 2006 „Choose A Bright Morning“, doch mit dem neuen Album findet eine Art Bruch statt. Ist der Titeltrack durchaus noch eine Reise durch die Musikwelt der Schweden, beginnt mit dem zweiten Song die Ära des Pop. „Waifs & Strays“ klingt – wie viele Lieder danach ebenfalls – nach einer Neuinterpretation von Death Cab For A Cutie. Die überlangen, atmosphärischen und sich sanft steigernden Nummern suchen Fans des letzten Albums nahezu vergebens. „A Drink To Remember“ und „Heaths“ sind die einzigen Lieder, die sich neben dem Opening die Überlänge anmerken lassen. Anstatt von variabler Stimmung erwartet den Hörer jedoch meist lediglich ein Crescendo. Das wirkt im Vergleich zum Vorgänger schon limitiert und es werden enttäuschte Stimmen aufkommen. Wer Ohren und Kopf jedoch frei für Neues lässt, der erlebt die Geburt der neuen Musik Jeniferevers.

„The Beat Of Our Own Blood“ ist nur der Auftakt zu dem, was man endgültig Indie-Rock nennen darf. Zwischen Postal Service und Death Cab For A Cutie findet sich ein interessanter, poppiger Song wieder, der mit interessanten elektronischen Elementen für Radiotaugliche Musik der besseren Sorte sorgt. Highlight der „kurzen“ Lieder ist jedoch das fetzige „Deception Pass“. Ein waschechter Rocksong, der es verdient hat auf jeder Indie-Party als Favorit gehandelt zu werden. Hier werden Endorphine durch den Körper gejagt, wie man es den sonst so melancholischen Schweden nie zugetraut hätte. Alle Nachdenklichkeit, die hier beiseite gelegt wurde, findet sich in ebenfalls leicht verdaulichen Ballade „Cathedral Peak“ wieder. Piano und der typisch glasklare Gesang ergeben mit den Gitarren wieder dieses Klangbild, das uns auf Spring Tides schon so verzauberte. Diesmal ist es nur eine Spur einfacher, aber nicht unbedingt schlechter. Besonders der instrumentale Ausklang des Liedes weiß zu überzeugen und wirft sich mit nahezu endloser Schwere auf den Hörer, ohne die Hoffnung sterben zu lassen. Das sind diese ambivalenten Momente, auf die man sich beim Vorgänger so gefreut hatte.

Eventuell hängt die neue Kürze der Lieder mit dem Tod von Kristofers Vater zusammen. Das Album trage den Namen eines Bahnhofs, da dort immer Bewegung ist und Reisen beginnen, die manchmal keine Rückkehr kennen, heißt es von Seiten des Sängers zum Titel. Die ungewöhnlich kurzen Lieder für die Ansprüche der Band geben einem ebenfalls das Gefühl, dass nicht immer eine Menge Zeit bleibt, sondern Augenblick so schnell vergehen, wie sie gekommen sind. Wenn die Ergebnisse wie Polarkreis 18 die sich nicht für Ohrwürmer verkauft haben klingen, dann gibt es keinen Anlass zu meckern. Das Album zerfällt nicht in eine Ansammlung von zusammenhangslosen Stücken und gleichzeitig muss niemand das Gefühl haben, dass er neun Mal denselben Song hört. Die Tracks, die sich unterhalb der 5-Minuten-Marke aufhalten vereinen so ziemlich alles, was gute Indie-Rock-Bands ausmacht und liefern dazu noch eine handvoll Art-Rock, der zwar nicht ganz so gut zündet wie auf dem Vorgänger, sich aber immer noch positiv von der Pop-Welt abheben, die demnächst als Konkurrenz angesehen werden darf.

Anspieltipps:

  • Deception Pass
  • Silesia
  • Cathedral Peak

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