Pet Shop Boys - The Most Incredible Thing - Cover
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Pet Shop Boys The Most Incredible Thing


  • Label: Parlophone/EMI
  • Laufzeit: 82 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Problem des Albums im Allgemeinen, abgesehen von der ein oder anderen schwächeren Nummer, ist das Fehlen einer gedruckten Synopsis und der visuellen Note des Balletts.

„West End Girls“, „Suburbia“, „Go West“, „Se A Vida É“ oder „New York City Boy“ gehören zu einer enormen Menge an Hits, die das Pop-Duo Pet Shop Boys seit Mitte der 80er Jahre weltweit bekannt machte. Was weitaus weniger bekannt ist, ist die Tatsache, dass die Pet Shop Boys sich auch als Produzenten und Remixer (Bloodhound Gang, Kylie Minogue, Rammstein, Robbie Williams) einen Namen gemacht haben. Insider wissen zudem, dass sie mit „Closer To Heaven“ ein Musical komponierten und Sergej Eisensteins Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ live neu vertonten. Auch ihre Bühnenbilder auf ihren unzähligen Tourneen haben oft ein theaterbühnenhaftes Aussehen.

Mit „The Most Incredible Thing“ betreten die Pet Shop Boys nun Neuland, denn bei dem Doppelalbum handelt es sich um die Vertonung eines Balletts nach dem recht unbekannten Märchen „Das Unglaublichste“ des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen. In dem Märchen geht es darum, dass derjenige die Tochter des Königs heiraten darf, der ihm „das Unglaublichste“ vorführt. Während Menschen anfangs für das Unglaublichste halten, sich vor König und Prinzessin umzubringen, tritt bald ein Erfinder auf, der eine Maschine gebaut hat. Dies ist eine Uhr, die den Lauf der Welt anzeigt. Sogleich verliebt sich die Prinzessin, wie im Märchen üblich, in den Erfinder, doch dann geschieht noch etwas Unglaublicheres. Die Maschine wird zerstört und der Zerstörer darf die Prinzessin heiraten. Doch am Tag der Hochzeit erwacht die zerstörte Maschine zum Leben und bringt den Zerstörer um. Am Ende darf die Prinzessin den Erfinder heiraten.

Diese Stationen der Geschichte sind es, wenn auch nicht jede einzelne, die der Hörer des Albums serviert bekommt. Dabei prallen Dance-Pop und Klassik aufeinander und verschmelzen zu einer unerwarteten Symbiose. Gerade an den elektronischen Melodien ist die Handschrift der Londoner sehr deutlich zu erkennen und der Hörer fragt sich wiederholt: „Das habe ich doch so in der Art schon mal irgendwo gehört?“.

Nach irritierendem elektronischem Beginn schwebt der Walzer „Risk“ durch das Ohr und vor dem Inneren Auge sieht der Hörer grazile Ballerinas schweben. Gerade wenn es der Musik gelingt solche Bilder zu erzeugen, hat der Silberling seine grossen Stärken. Der Wechsel in Klassik-Rock zum Ende hinwirft dann wieder Fragen auf, vermutlich ist das titelgebende Risiko die Antwort. Das Wroclaw Symphonie Orchester zeigt hier, wie auch in vielen anderen Momenten, dass es ein hervorragendes Orchester ist. Nicht unerwähnt bleiben darf dabei Sven Helbig, der auch schon als Produzent bei der Live-Performance zu „Panzerkreuzer Potemkin“ den Pet Shop Boys helfend beiseite stand.

Besonders hervorstechend ist „The Clock 1-12“, mit rund 23 Minuten eine Suite in mehreren Sätzen. „The Clock 1-12“ durchzieht, zeitweise unmerklich, das Ticken der Uhr. Der Satz „The Clock 1, 2, 3“ klingt nach einleitenden Geräuschen aus dem Uhrwerk ziemlich nach einem kitschigen Hollywoodscore, „The Clock 4, 5, 6“ wird von Elektronischer Rhythmik beherrscht, die schwebenden Synthesizer-Sounds vermitteln dabei eine Leichtigkeit und Frische, dass man an den beginnenden Morgen erinnert wird. Gegen Ende erinnert der Satz dann allerdings wieder an einen typischen langsamen PSB-Track und verliert an Intensität. Bei „The Clock 7, 8, 9“ wird bei den Bläsern ein vorher eingeführtes Thema variiert, eine melancholische Grundstimmung wird durch die Moll-Notation verstärkt. Der Sinn des Babygeschreis zum Abschluss bleibt den CD-Konsumenten verborgen, hier würde die Visualisierung wieder helfen. Schliesslich „The Clock 10, 11, 12“. Vor allem die erste Hälfte erinnert extrem an schlechten „U 96“-Techno. Nach einem sphärischen Zwischenstück scheint man sich dann auf einem Jahrmarkt zu befinden und Glockengeläut leitet in das Finale furioso über, das fast Industrialanleihen besitzt.

Während auf CD 1 „The Meeting“ mit einer wunderschönen Klaviermelodie aufwarten kann, ist „The Meeting Reprise“ auf CD 2 musikalisch einfach zu überladen und kitschig ohne dass die vorher Melodie in Vergessenheit gerät. Das letzte Stück „The Wedding“ wird geradezu lächerlich eingeleitet, am Ende wird aber die Hochzeit hübsch vertont und der Kuckuck als letztes Geräusch zaubert dem Hörer sicherlich ein Grinsen aufs Gesicht.

Das Problem des Albums im Allgemeinen, abgesehen von der ein oder anderen schwächeren Nummer, ist das Fehlen einer gedruckten Synopsis und der visuellen Note des Balletts. Wegen ersterem ist der Hörer, der das Märchen nicht kennt, oftmals überfordert, letzteres ist ein elementarer Schwachpunkt. Es wäre schön, wenn das Ballett auf DVD aufgezeichnet würde, dann könnte man audiovisuell prüfen wie gut die Pet Shop Boys ihre Aufgabe, an der sie seit 2008 komponierten, erfüllt haben. So bleibt ein gutes, interessantes Album, welches musikalisch erfreut, allerdings wegen der genannten Mankos dann doch nicht der grosse Renner ist.

Anspieltipps:

  • Risk
  • Destruction
  • The Miracle

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