Lady Gaga - Born This Way - Cover
Große Ansicht

Lady Gaga Born This Way


  • Label: Interscope/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 67 Minuten
Artikel teilen:
4/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Leider kann „Born This Way“ mit der Brillanz der Selbstvermarktung von Lady Gaga nicht ansatzweise mithalten.

Mit einem Schnäppchenpreis hat amazon.com zur Veröffentlichung von „Born This Way“ versucht, die potentiellen Käuferinnen und Käufer des zweiten Albums von Lady Gaga für sich zu gewinnen – und stellte sich letztendlich selbst bloß. Die Server des Onlinehändlers waren der überwältigenden Nachfrage einfach nicht gewachsen, sodass vorerst niemand das soeben erworbene Produkt downloaden konnte. Im Musikgeschäft gibt es momentan nur eine Künstlerin, die einen solchen Ansturm erzeugen kann, natürlich Lady Gaga.

Diese kleine Anekdote kann stellvertretend für die Hysterie stehen, die Stefani Joanne Angelina Germanotta weltweit um ihre Kunstfigur aufgebaut und den Status, den sie als größter Popstar unserer Zeit inne hat. Dass sie ihren Ruhm nicht nur auf der Musik errichtet hat, ist lediglich eine logische Schlussfolgerung, die sich aus den Mechanismen der Popkultur ergibt. Ob nun der Auftritt mit dem Fleischkleid oder die Performance als werdende Mutter, Gaga reizt immer wieder mit außergewöhnlichen Inszenierungen. Sie beherrscht die Kunst der Provokation wie keine andere und genau das macht schlussendlich ihren Erfolg aus. Ihre eigentliche Leistung liegt in der Selbstinszenierung, welche sie schlicht perfektioniert hat. Dabei gehört sie zu den wenigen musikschaffenden, die die Vorzüge der sozialen Netzwerke und des Internets im Allgemeinen gekonnt für sich zu nutzen weiß. Sie gebraucht ihren Ruhm im Spannungsfeld aus Mode, Kunst und Musik auch in erwähnenswerter Weise als Politaktivistin (z.B. für Einwanderinnen und Einwanderern aus Südamerika) oder setzt sich für Rechte von Schwulen und Lesben ein.

Leider ist eine direkte Konsequenz aus dem im Vordergrund stehen der Figur Gagas als Performancekünstlerin, dass die Musik auf „Born This Way“ zum Nebenschauplatz gerät. Wenn eine neue Single veröffentlicht wird, ist es eigentlich spannender zu sehen, was sie sich nach Clips wie dem zu „Telephone“ für ihr neuestes Video hat einfallen lassen. Vielleicht ist dies aber auch ein glücklicher Umstand: Ähnlich wie der inszenierte Superlativ bei all ihren Auftritten, ist auch das Album „Born This Way“ eine 14-teiliges „Monster“, welches in exhibitionistischer Aufdringlichkeit schreit: „Hör mich an!“. Wer einmal einen Auftritt von Gaga gesehen hat, bei dem ihre Stimme lediglich von einem Piano begleitet wird, dem wird auffallen, mit wie viel Pomp und Glamour die ansonsten sehr traditionellen Popsongs im Studio beladen worden sind.

„Born This Way“ ist ein Mutmacher für alle, die sich ausgeschlossen fühlen und sendet auf explizite Weise die Message: Liebe dich, so wie du bist („No matter gay, straight, or bi / Lesbian, transgendered life / I'm on the right track baby / I was born to survive“). Der Song legt inhaltlich sowie musikalisch den Grundstein für das Album, dessen Stil sich prinzipiell nur marginal von „The Fame“ und „The Fame Monster“ unterscheidet. Als „Avantgarde-Techno-Rock“ beschreibt sie selbst den Sound ihres zweiten Langspielers, letztendlich kann man alle Lieder jedoch simpel als Synth-Pop bezeichnen. Doch während „Pokerface“ oder „Bad Romance“ mit ihren modernen Electro-Sounds absolut State of the Art waren, präsentiert sich „Born This Way“ zeitweise äußerst rückwärtsgewandt. Dies fiel schon bei der zweiten Single „Judas“ auf, welches in den bissigen Strophen irgendwie nach David Guetta klingt, später dann jedoch in einem überschwänglichen Roxette-Refrain mündet. „Marry the Night“, „Hair“ und „The Edge of Glory“ – alles Songs, die entfernt an stumpfe Eurodance-Hits erinnern.

Allgemein spielt der hämmernde Techno-Bass eine große Rolle, dessen intensiver Einsatz viele Lieder („Marry the Night“ „Judas“ „Born This Way“, „Scheiße“, usw.) zu Kandidaten für das nächste Saufgelage werden lässt. Hinzu kommen fragwürdige Spinnereien wie die Lyrics von „Scheiße“: „I don’t speak german but I can if you like / Ich schleiban austa be clair es kumpent madre monstère / ...“. Positive Gegenbeispiele sind z.B. der bereits erwähnte Titeltrack, bei welchem Gaga wenigstens eine höchst einprägsame Hook vorlegt. „Government Hooker“ ist mit seinen 8-Bit-Sounds ebenso wie Streicher von „Bloody Mary“ weitaus weniger penetrant, weswegen die Songs als ordentliche Unterhaltung durchgehen. Richtig interessant wird es jedoch bei „Americano“, dessen Bläser, Handclaps und Gitarren lateinamerikanisches Flair beschwören. In diesem wunderbar abgedrehten Song scheinen mehr Ideen zu stecken, als auf dem gesamten restlichen Album. Obwohl ein richtig gesetztes Saxophon normalerweise aus jedem Song ein wenig sexyness rauskitzeln kann, geht das von Clarence Clemons (Bruce Springsteen & the E Street Band) eingespielte Blasinstrument bei „Hair“ und „The Edge of Glory” vollkommen unter und klingt einfach nur aufgesetzt. Genauso verhält es sich mit der E-Gitarre von „Electric Chapel“ oder dem Klavier von „Yoü and I“. Ansonsten folgt „Born This Way“ insbesondere in der zweiten Hälfte dem Dance-Pop Standard der oben genannten Songs und langweilt damit zum Teil gehörig („Bad Kids“, „Heavy Metal Lover“).

In einem Interview hat Lady Gaga einmal gesagt, dass es ihr Ziel sei, Popmusik zu revolutionieren. Doch ihr Handeln ist letztendlich nur das Aushebeln, Überziehen und zu Nutze machen bekannter Mechanismen des Popbusiness. Das ist keine Revolution, sondern geschickte Manipulation. Leider kann „Born This Way“ mit der Brillanz der Selbstvermarktung von Lady Gaga nicht ansatzweise mithalten und wird seinem Ereignisstatus schlicht und ergreifend nicht gerecht. Es ist eine Ansammlung einfacher, größtenteils tanzbarer Synth-Popsongs mit wenigen Ausbrüchen aus dem gängigen Schema.

Anspieltipps:

  • Born This Way
  • Government Hooker
  • Judas
  • Americano
  • Bloody Mary

Neue Kritiken im Genre „Pop“
8/10

Sweet Sweet Silent
  • 2017    
6.5/10

Halb Oder Gar Nicht
  • 2017    
Diskutiere über „Lady Gaga“
comments powered by Disqus