Cryptex - Good Morning, How Did You Live? - Cover
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Cryptex Good Morning, How Did You Live?


  • Label: Saol/H'ART
  • Laufzeit: 57 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Extravagant, außergewöhnlich, abgefahren, intensiv: kontrastreicher Folk-Prog mit hohem Wiedererkennungswert.

Selten kann es eine Band aus dem Lager des progressiven Heavy Metal schaffen, noch wirklich eigene Akzente zu setzen anstatt die Genre-Checkliste abzuhaken. Solche Vertreter sind kleine, immer noch sträflich unbekannte Gruppierungen wie die Russen von Mechanical Poet, die griechischen Elektro-Progger Dol Ammad, aber auch prominentere Vertreter wie Sleepytime Gorilla Museum oder Diablo Swing Orchestra. Fest steht jedenfalls, dass die Prog-Szene trotz eines hohen qualitativen Mindestmaßes an Können und Talent, insgesamt in einer Sackgasse angekommen ist, aus der sie alleine nicht so schnell hinausfinden kann. Aber das muss sie auch gar nicht! Schließlich gibt es ja noch die drei Niedersachsen von Cryptex, die sich freundlich anbieten, den Prog wieder auf den rechten Weg zu führen. Die Wahrheit ist, dass sie mit ihrem Debütalbum „Good Morning, How Did You Live?“ ihre ganz eigenen Pläne haben und verschiedene Musikrichtungen und -stile munter miteinander verbinden. Dass Progressive Rock dabei nur die Spitze des Eisbergs ist, sollte bereits nach den ersten erklingenden Tönen ihres Erstlingswerkes klar sein.

Um mal ganz ehrlich zu sein: Einfach gucken, was alles geht und verschiedene Sounds miteinander zu verbinden, ist auch nichts Neues mehr. Genauso wie King Crimson oder Gentle Giant als Referenz im Hinterkopf zu bewahren, wenn Dream Theater zu banal geworden sind. Cryptex haben aber aus den unzähligen Stilen tatsächlich ihren eigenen gebastelt, der trotz einiger Unterschiede in Songwriting, Härte und Länge tatsächlich homogen daherkommt. Auf „Good Morning, How Did You Live?“ finden sich 14 Kompositionen (sowie ein Intro bzw. Outtro), von denen sich kein Song wie der andere anhört und die dennoch allesamt aus einem Guss erscheinen und im Gegensatz zu manch einer Arbeitsweise diverser Bands mit den gleichen Grundideen, deutlich und klar als Originale von Cryptex zu erkennen sind. Dabei mäht das Trio wie erwähnt gleich mehrere Musik-Felder ab und entscheidet sich gezielt für die reifsten Früchte.

Da wäre auf der einen Seite prägnanter, fast schon tanzbarer Folk Rock, der gerade so den Sprung aus dem Retro Prog zu seinen Basics gefunden hat. „Hicksville, Habbitus And Itchy Feet“, das ziemlich metallische „Bagheera“, „It's Mine“, „Freeride“ oder „Dance Of The Strange Folk“ erinnern stark an skandinavischen Folk-Prog von Ritual, Kaipa aber auch The Flower Kings, allerdings sehr auf das Wesentliche reduziert und in gewisser Hinsicht „light“. Als klare Kontraste fungieren düstere Tool-, A Perfect Circle-, Deadsoul Tribe- oder (späte) King Crimson-Anleihen in Songs wie „Leviathan“ und „Most Lovable Monster“. Abgerundet wird das Cryptex'sche Erlebnis mit einer anscheinend gezielten Schnittstelle zwischen der „Abbey Road“-Phase von The Beatles und ein auf den Flair und die Stimmung reduzierten Klassischen , er bei Gentle Giant oder Genesis zu finden ist. „The Big Easy“ oder „Camden Town“ holen sich das Beste aus beiden Welten. Als Bindeglied fungiert dabei in fast allen Kompositionen der Einsatz von Bläsern, pointiertem Metal-Riffing, symphonischen Elementen und sogar Gospel. Das liest sich zwar arg konstruiert und berechnend experimentell, doch funktioniert tatsächlich hervorragend. Am Ende bleibt ein höchst abwechslungsreicher, spannender Hörgenuss, voller kleiner Details und Ideen, der völlig natürlich daherkommt und trotz der durchaus vorhandenen Komplexität absolut smooth und eingängig wirkt.

Dass Cryptex auch live überzeugen können, haben sie als Vorgruppe der schwedischen Prog-Macht Pain Of Salvation bewiesen. Ihr 90-minütiger Live-Mittschnitt „Live At De Bosuil“ (2012, Eigenvertrieb) zeigt, dass die drei Musiker auch auf der Bühne ihr Handwerk beherrschen und Instrumente wie das Didgeridoo oder Cajón ihr Schicksal nicht im Studio fristen müssen. Mit einer tollen Setlist, die sich hauptsächlich am Debütalbum orientiert, ist „Live At De Bosuil“ eine mehr als empfehlenswerte Erweiterung zur LP. Bleibt festzuhalten, dass „Good Morning, How Did You Live?“ in der Riege diverser Bands, die zwanghaft die Musikwelt auf den Kopf stellen wollen, eine absolute Sonderstellung genießt. Anspruchsvoll, organisch und höchst unterhaltsam in ihrem Schaffen werden Cryptex definitiv noch von sich hören machen!

Anspieltipps:

  • Hicksville, Habbitus And Itchy Feet
  • Dance Of The Strange Folk
  • Bagheera
  • Leviathan
  • The Big Easy
  • Most Lovable Monster

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