Pearl Jam - Vs. & Vitalogy (Deluxe Edition) - Cover
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Pearl Jam Vs. & Vitalogy (Deluxe Edition)


  • Label: Epic/Sony Music
  • Laufzeit: 203 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Alles in allem mal wieder ein Deluxe-Paket, das den Namen auch verdient.

Vor ziemlich genau zwei Jahren starteten die alten Haudegen von Pearl Jam die Wiederauflage ihres Backkatalogs mit einer Deluxe-Variante ihres legendären Erstlings „Ten“. Pünktlich zum diesjährigen zwanzigjährigen Jubiläum wird nun die zweite Reissue-Runde eingeläutet, bevor es dann zum Jahresende wohl auch wieder frisches Material der Band geben wird. Doch zunächst gibt es im vorliegenden Paket eine standesgemäße Rückschau auf das Zweitwerk „Vs“ aus dem Jahr 1993, sowie das Drittwerk „Vitalogy“ (1994). Beide kommen optisch ein wenig erneuert und vor allem frisch remastered daher und um jeweils drei Bonustracks ergänzt. Oben drauf gibt es dann noch eine dritte CD mit dem Mitschnitt von einem 1994er Konzert im Bostoner Orpheum Theater. Damit wird eine spannende wie kritische Phase der Kapelle noch einmal in den Blick genommen.

Anfang der 1990er nahm der Hype um den „Grunge“ ungeahnte Höhenflüge an. Das Pearl Jam - Debüt mischte dabei ganz vorne mit und auch der Nachfolger „Vs“ ging nahezu wörtlich durch die Decke. Allein in der ersten Woche wurden in den USA mal eben ca. 1 Million Kopien verkauft. Dimensionen, die in der heutigen Zeit schlichtweg nicht mehr vorstellbar sind. Verdient war der Erfolg durchaus, wenngleich er in dem Umfang dann doch überraschte. Auf „Vs“ gibt sich die Band deutlich rauer als auf „Ten“. Der etwas übertriebene Hall der Debütproduktion weicht hier zugunsten eines wesentlich authentischeren Sounds, der den Livequalitäten der Band deutlich näher kommt. Das kommt nicht von ungefähr, denn ein guter Teil des Albums wurde live eingespielt. Das Ergebnis hält abwechslungsreiche Klassiker wie das wütende „Animal“, das tolle „Daughter“ und das von einem gewaltigen Spannungsaufbau getragene „Rearviewmirror“ bereit. Doch auch bei den übrigen Tracks sucht man einen Ausfall vergebens. Besonders hervorzuheben ist übrigens der Bonustrack „Crazy Mary“, ein ganz hervorragendes Victoria Williams-Cover, das schon lange zum Liverepertoire der Band gehört. Hier stimmt einfach alles, auch wenn es keine Hymnen wie noch auf „Ten“ gibt. Was hier geboten wird, ist ganz stark und noch heute ein zeitloser Meilenstein. Mit „Vs“ verstummten dann auch viele Kritiker, die der Band lediglich Trittbrettfahrerei auf dem „Seattle-Zug“ vorwarfen.

Das Zweitwerk war übrigens zugleich der Einstand für Dave Abbruzzese, der sich auf „Vs“ und dem Nachfolger „Vitalogy“ an den Drumsticks betätigte und dessen dynamischer Stil eine echte Bereicherung war. Noch heute gibt es in Fanforen hitzige Diskussionen, ob nun der aktuelle Drummer Matt Cameron oder doch Dave Abbruzzese die Optimalbesetzung den für Stuhl des Trommlers ist.

Der enorme kommerzielle Erfolg und die damit einhergehenden Eigenheiten des Musikbusiness machten der Band zusehends schwer zu schaffen und man zog die Notbremse. Keine Musikvideos mehr, fast keine Interviews mehr und auch sonst wurde der übliche Promotion-Zirkus für viele Jahre nahezu vollständig boykottiert. Die Verweigerungshaltung schlug sich konsequenterweise auch in der Musik nieder. So gilt das Album „Vitalogy“ bis heute als eines der düstersten Alben der Band, bei dem Sie mit ihrer Verachtung für die Regeln des Musikbusiness nicht hinter dem Berg hält. Der Zorn und die Antihaltung sind deutlich spürbar. Neben wütenden Rockern wie „Last Exit“, oder „Not For You“ und Punkausflügen à la „Spin The Black Cirkle“ wagt sich die Band auch erstmals an eher merkwürdig-experimentelle Ausflüge wie „Pry, To”, das Akkordeon-Intermezzo (!) „Bugs“ oder das Lärminferno „Stupid Mop“. Zwischen all dem tummeln sich jedoch mit „Nothingman“ und „Betterman“ zwei der zugänglichsten Nummern der Bandgeschichte und mit „Corduroy“ und „Immortality“ zwei der stärksten Songs, die die Band je geschrieben hat.

So weit so bekannt. Wirklich neu sind zunächst die (meisten) der sechs Bonustracks, die in der Tat lohnen. Des Weiteren dürften sich Fans vor allem über den Bostoner-Livemitschnitt freuen. Dass Pearl Jam eine hervorragende Live-Band sind, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Richtig ist auch, dass es mittlerweile eine schier unübersichtlich Fülle von Konzertbootlegs gibt, die jedoch erst seit der Tour in 2000 einsetzt. Insofern ist ein Mitschnitt aus der früheren Phase der Band allemal spannend und die Songauswahl ist ebenfalls absolut überzeugend. Geboten wird ein tadelloser Querschnitt durch die ersten drei Alben (wenngleich „Vitalogy“ seinerzeit noch gar nicht veröffentlich war), gewürzt mit für Pearl Jam–Konzerte üblichen Coverversionen. Dies sind hier zum einen „Sonic Reducer“ von den Dead Boys, bei dem hier Mudhoneys Mark Arm die Zweitstimme gibt. Zum anderen wird mit „Fuckin‘ Up“ noch Neil Young Tribut gezollt.

Alles in allem mal wieder ein Deluxe-Paket, das den Namen auch verdient. Fans dürften sich eh kaum zurückhalten können und wer die Band bisher noch nicht für sich entdeckt hat, bekommt hiermit eine satte Einstiegshilfe in eine aus kreativer Sicht äußerst spannende Phase der Band. Spannend bleibt es jedoch auch achtzehn Jahre Später im Geburtstagsjahr 2011. Es spricht alles dafür, dass man in den nächsten Monaten noch mehr von den Jubelaren hören wird.

Anspieltipps:

  • Animal
  • Daughter
  • Dissident
  • Rearviewmirrow
  • Crazy Mary
  • Not For You
  • Corduroy
  • Whipping
  • Immortality

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