Obscura - Omnivium - Cover
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Obscura Omnivium


  • Label: Relapse Records
  • Laufzeit: 59 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Cosmogenesis“ (02/2009) versetzte Kritiker in Staunen. Mit welcher Eleganz und welchem Feingefühl Steffen Kummerer (Gesang, Gitarre), Christian Muenzner (Gitarre), Jeroen Paul Thesseling (Bass) und Hannes Grossmann (Schlagzeug) die unterschiedlichen Facetten ihres zweiten, offiziellen Oeuvres („Illegimitation“ erschien in Eigenproduktion) zusammenführten, war eine Klasse für sich. Progressive Spielereien wechselten sich mit Grind-Attacken, derben Blastbeatpassagen und klassischen bis spacigen Metal-Elementen ab, deren Summe stets eine Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit ausstrahlte, die im Genre des technischen Death Metal oft vermisst wird. Die Frage, wie Obscura das toppen sollen bzw. wollen, kam erst gar nicht auf, denn allein die Neuauflage des Debüts „Retribution“ (02/2010) ein Jahr später zeigte, das der Vierer schon sehr früh ganz genau wusste, wo er hin will und wie er das zu erreichen gedenkt.

Um es kurz zu machen, „Omnivium“ ist die erwartete Weiterentwicklung von „Cosmogenesis“. Nicht unbedingt, was Härte oder Durchtriebenheit betrifft, aber auf jeden Fall im Bezug auf den genialen Fluss des Vorgängers. Wer jetzt allerdings glaubt, er bekommt mit „Omnivium“ nur einfach ein aufpoliertes „Cosmogenesis“, der irrt. Obscuras Dritte orientiert sich zwar an dessen Gerüst, dennoch ist die Erfahrung eine gänzlich andere. Klar, wir haben es noch immer mit technisch hochwertigem Death Metal zu tun, doch Kummerer & Co. haben es geschafft, die progressive Ader und die unzähligen Fall- und Hintertüren auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, der „Omnivium“ zum zugänglichsten Vertreter seiner Art macht und trotzdem einen Anspruch bietet, der für viele ähnlich gelagerte Bands außer Reichweite bleibt.

Um dies zu veranschaulichen, sollte man am besten gleich zum Albumender „Concerto“ springen. Hier hacken Obscura weder alles kurz und klein, noch versuchen sie sich an überhöhter Progressivität. Das Instrumental ist einfach paradigmatisch für das außergewöhnliche Verständnis für Melodie und Struktur des aus München heraus agierenden Vierers. Will man unbedingt Vergleiche heranziehen, so findet man diese in den klassischen Auswüchsen der Savatage-Diskographie (z.B. bei „Poets And Madmen“ (03/2001) oder dem 1989er Klassiker „Gutter Ballet“), was ebenfalls aufzeigt, dass sich Obscura stets in Weiterentwicklung befinden und der gewagte Blick über den Tellerrand ein fixer Bestandteil ist. Vielseitigkeit spielt auf „Omnivium“ überhaupt eine große Rolle. Und wo andere Acts dieses Element einbeziehen, um sich von anderen abzugrenzen, benötigen Obscura es wie die Luft zum Atmen.

Doch kehren wir zum Anfang zurück. Hier kristallisiert sich nach sanfter Einleitung das über sieben Minuten lange Ungetüm „Septuagint“ bereits als erster Höhepunkt inmitten eines von grandiosen Momenten gespickten Opus heraus. Die Doublebass hechtet über sämtliche Geschwindigkeitshügel, Kummerer wechselt zwischen gepressten und tiefen Growls, Gitarre und Bass liefern sich ein ständiges Duell und immer wieder unterbrechen sinnvoll eingewobene Ruhepole den packenden und fabelhaft inszenierten Ritt, um kurz darauf ungefragt von einem derben, todesmetallischen Part in den Boden gestampft zu werden. Dasselbe Spiel bietet sich bei „Vortex omnivium“, das allerdings aufgrund seiner kürzeren Laufzeit wesentlich temporeicher und kompakter zuschlägt, während „Ocean gateways“ im mittleren Geschwindigkeitsbereich gastiert und vor allem durch ein Meshuggah-ähnliches Gitarre-/Schlagzeugmantra seine wuchtige Daseinsberechtigung bezieht.

In einem unaufhaltbaren Geschwindigkeitsrausch und nie um eine technisch-anspruchsvolle Abzweigung verlegen, verfällt dann das anschließende „Euclidean elements“, das erst von der von einer Akustikgitarre getragenen Einleitung in „Prismal dawn“ besänftigt werden kann. Dort kippt dem Hörer angesichts des komplex und klug strukturierten Hürdenlaufs erst einmal die Kinnlade herunter, was im Zusammenspiel mit dem darauf folgenden „Celestial spheres“ recht schnell in Maulsperre ausartet, da Obscura in den ohnehin schon sehr waghalsigen Klanggerüsten stets die Zeit finden, klare Gesangslinien oder den druckvollen Todesblei-Attacken entgegenwirkende, sanftmütige Basssolos einzubinden, ohne diese wie Fremdkörper erscheinen zu lassen. Konträr dazu verhält sich dann „Velocity“, das die spacigen Versatzstücke des Vorgängers übernommen hat und diese absichtlich als zusätzliche Reibungskraft installiert.

Wieder etwas bodenständiger geht es in „A transcendental serenade“ zu. Das sechsminütige Instrumental schöpft in der Wahl der Bausteine zwar nicht aus dem kompletten Fundus des Obscura-typischen Irrsinns, doch gerade diese etwas direktere Herangehensweise verleiht dem Stück eine Aura, der es sich nur schwer zu entziehen gilt. Vor allem der bei Minute 3:31 einsetzende und alles auf den Kopf stellende Rhythmuswechsel ist zum Niederknien und zeugt von der Genialität dieser vier Musiker. Bevor es dann mit „Concerto“ zum bereits angesprochenen, famosen Abschluss kommt, buhlt noch das mit acht Minuten längste Stück auf „Omnivium“ namens „Aevum“ um die Aufmerksamkeit des Hörers. Kummerer brüllt sich die Seele aus dem Leib, die Gitarren drängen in den Vordergrund, die Doublebass befindet sich im oberen Drehzahlbereich, der apokalyptische Gestus der Komposition ist der tosende Sturm vor der Ruhe und bildet ein wunderbares letztes Aufbäumen vor dem großen Finale.

Mit „Omnivium“ schaffen sich Obscura ihre eigene Nische. Jeglichem Schubladendenken wird im Vorhinein durch ein breites musikalisches Spektrum entgegengewirkt, die Progressivität und das technische Know-How erledigten den Rest. Diesen vier Herrschaften bei ihren musikalischen Exkursen zuzuhören, macht nicht nur wegen des hohen Niveaus Laune, sondern ist auch aufgrund der schier unbändigen Spielfreude, die sie in jeder Sekunde zelebrieren, ein Genuss für die Ohren. Obscura sind schlicht und ergreifend die Dream Theater des Death Metal: In hohem Maße anspruchsvoll, mit vorwärtsdenkender Vision ausgezeichnet und das alles in einem nachvollziehbaren Rahmen, wie es heutzutage viel zu selten im extremen Metal passiert. Kurzum: Obscura sind wahnsinnig oder auch anders ausgedrückt wahnsinnig genial!

Anspieltipps:

  • Concerto
  • Septuagint
  • Prismal Dawn
  • Celestial Spheres
  • A Transcendental Serenade
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