Katharine Mehrling - Am Rande Der Nacht - Cover
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Katharine Mehrling Am Rande Der Nacht


  • Label: Monopol/DA Music
  • Laufzeit: 45 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Annett Louisan hat ihn wieder Salon fähig gemacht: Den Chanson! Anstatt von elektronischen Beats aus dem Synthesizer gibt es bei Sängerinnen der Marke Annett Louisan Musik von Instrumenten, die junge Leute heutzutage nur mit Orchestern in Zusammenhang bringen. Katharine Mehrling hat leider nicht so einen einprägsamen Namen wie die eben genannte Referenz heutiger Tage, bringt dafür noch eine ganze Ecke mehr Jazz und Blues mit, als es die Louisan tut, die doch sehr dem Pop verpflichtet ist.

Katharine Mehrling kannte sich bisher weniger im Plattengeschäft, als auf Theaterbühnen aus. Über New York, London und Paris führte ihr Weg irgendwann zurück nach Deutschland. In Berlin nutzt sie ihre Stimme, um Sally Bowles, Irma la Douce oder Edith Piaf nachahmt, aber irgendwann ist es genug mit dem Mimen und eine Künstlerseele wie Katharine Mehrling möchte ihren eigenen Weg gehen. Ihr Soloprogramm „Bonsoir Katharine“ und ein Auftritt im Film „Operation Walküre“ waren so etwas wie der Auftakt zu ihrem ersten Album „Am Rande Der Nacht“. Nachdenkliche, freche und stets natürliche und authentische Lieder sollen den Hörer be- und verzaubern.

Die deutsche Sprache macht es einem wirklich nicht leicht, denn es ist schon ungewohnt, wenn Katharine Mehrling keck darüber singt, dass sie jemanden zum Anbeißen findet. Zwar gibt es tatsächlich die ein oder andere Stelle im Song, die aufgesetzt wirkt, doch insgesamt kann man sich diesen Track herrlich vorstellen, wie Mehrling von der Bühne aus singt und man nicht anders als grinsen kann. Man möchte, dass Katharine Mehrling mit einem im Raum ist, was auch an der intimen Unterlegung seites der Musik gedankt ist. Streicher, Piano und besonders Bläser sorgen immer wieder dafür, dass man sich in den warmen Klängen verlieren möchte, ob bei swingenden Stücken wie dem Opener oder dem gefühlvollen „Bittersüß“.

Man fühlt sich wie in einem Nachtclub, der nichts mit nackten Frauen oder schranzender Disko-Musik zu tun hat. Ein längst vergessenes Gefühl, das „Mad Men“-Zuschauer sich jede Woche aufs Neue wünschen und überhaupt bei Hörern jenseits der 40 nichts Unbekanntes sein sollte. Leider dreht der Zahn der Zeit und noch mehr der der Mode an dieser Musik. Sie ist einfach nicht mehr gefragt und wirkt auf viele Hörer ungewohnt altmodisch. Es gibt kaum etwas Unterhaltsameres als den bombastischen Einstieg zu „Der Makrobiot“, zu welchem eine aufgetakelte Katharine Mehrling vor dem geistigen Auge erscheint und einen Text von sich gibt, der so hanebüchen ist, wie es abstrus wirkt heute noch hanebüchen zu sagen oder schreiben.

Wer sich mit dieser anderen Art von Musik anfreunden kann, der trifft hier eine gut ausbalancierte Mischung aus Chansons mit Jazz-, Blues-, und sogar Bossa Nova-Einschlag („Wer Weiß“). Nicht selten trifft Katharine Mehrling dabei Tonlagen an denen man meint, eine kleine Knef oder Dietrich zu hören. Ein großes Lob muss auch an Rolf Kühn ausgesprochen werden, der größtenteils die Musik und Arrangements des Albums schrieb und dem es zu verdanken ist, dass es Freunden des deutschen Chansons an nichts fehlt. Pianoballaden zum Herz zerreißen mit „Nantes“, langsame, verführerische Stücke („Vermiss Dich Gar Nicht Mehr“), sowie die erwähnten Stimmungsmacher. Es ist alles so, wie man es aus den alten Filmen in Erinnerung behalten hat. Viel Kontrabass, imposante Bläser, prägnante Klarinetten, das geheimnisvolle Piano und in der Mitte von alledem die bezaubernde Stimme der Mehrling. Man darf es gerne auf die Schwäche für Jazz seitens des Kritikers schieben, doch abseits der überladenen Musiklandschaft im Radio ist so ein kleines Pralinee ein echter Schatz und Leckerbissen, den man nicht verachten sollte. Als Bonus gibt es dann auch noch „Castrop-Rauxel“ für alle, die nicht glauben wollen, dass die gute Frau live diese Stimme nicht bringen kann. Und wie sie es bringt!

Anspieltipps:

  • Beschäftigt Mit Dem Blues
  • Der Makrobiot
  • Nantes

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