K.I.Z. - Urlaub Fürs Gehirn - Cover
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K.I.Z. Urlaub Fürs Gehirn


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 66 Minuten
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3/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Mit dem Song „H.I.T.“ erklären K.I.Z. den HipHop letztendlich für tot. Sie merken dabei scheinbar nicht, dass sie es bereits selbst sind.

Dass sich das Konzept K.I.Z. über kurz oder lang abnutzen würde, konnte man eigentlich schon bei ihrem Mixtape „Böhse Enkelz“ (2006), spätestens jedoch nach dem Wechsel zu Universal erahnen. Obwohl die Alben „Hahnenkampf“ (2007) und „Sexismus Gegen Rechts“ (2009) noch immer mit kreativen Wortwitz, hämmernden Beats und Hooks zum Abgehen gefüllt waren, zeigte sich bei Liedern wie „Sehkuh“, „Scheiterhaufen“ oder „Töten“ bereits, dass Tarek, Maxim, Nico und DJ Craft die zündenden Ideen ausgehen. Fans von „Das RapDeutschlandKettensägenMassaker“ (2005) und „Böhse Enkelz“ konnten sich zudem an dem exzessiven Einsatz von Synthies und Gesang stören. Der Titeltrack des neuen Albums geht im Refrain ebenfalls in diese Richtung und überzieht den Ansatz endgültig. Es zeigt sich, dass die Jungs in dieser Form offenbar absolut kein Gefühl für eine gute Melodieführung haben.

In unserer Review zu „Sexismus Gegen Rechts“ lobten wir die Kannibalen in Zivil noch für die „augenzwinkernde Präsentation“ oder den „enorm erfinderischen Wortwitz“ sowie für die immer wieder auftauchende Gesellschaftskritik. Auf ihrem fünften Album sind K.I.Z. jedoch vor allen Dingen eins: überraschend plump. Das fängt bei den Songtiteln an („Küss mir den Schwanz“, „In seiner Mutter“, „Koksen ist Scheisse“) und geht über die unkreativen, zeitweise von nervigen Synthie-Texturen überzogenen Beats („Fremdgehen“, „H.I.T.“). Diese lassen diesmal leider auch das ansonsten genutzte Klavier vermissen. Auch die Texte der drei Rapper präsentieren sich hier ohne die gewohnte Schlagkraft: „Lass uns auf Klo gehen, baby / Ich will heiraten jetzt / scheiße, besetzt“. Wo sind die wahnwitzigen Cuts und Samples eines „Böhse Enkelz“? Wo sind die Refrains zum Abgehen von „Hahnenkampf“? Wo sind die einprägsamen Melodien von „Sexismus Gegen Rechts“? Nichts davon kann „Urlaub Fürs Gehirn” in dieser Qualität bieten.

Insbesondere die Refrains – häufig geschrien – gehen auf die Nerven: „Seit Millionen von Jahren sind sie hier / und wollen sich einfach nicht integrieren” heißt es im allgemein fragwürdigen „Doitschland schafft sich ab”. Mit „Raus aus dem Amt“ ziehen K.I.Z. Langzeitarbeitslose durch den Kakao: „Raus aus dem Amt / ran an die Bar / und alle: scha lala lala“. Noch besser: „Ich lach mich tot / lach mich tot / lalalala lala lach mich tot“. Dem Hörer ist an dieser Stelle das Lachen schon längst vergangen. Die schlagerartigen Refrains der Songs „Abteilungsleiter der Liebe“ und „Biergarten Eden“ sorgen dann endgültig für Kopfschütteln. Und wer schon immer einmal hören wollte, wie bescheuert es klingt, wenn die vier Berliner mit Auto-Tune hantieren, bekommt mit „Heiraten“ und „Mr. Sonderbar“ ebenfalls sein Fett weg.

Für „Urlaub Fürs Gehirn” werden zudem sowieso schon ausgelutschte Gags nochmals aufgefahren: Anstatt „Der durch die Tür Geher“ ist Nico diesmal „Der durch die Scheibeboxxxer“. „Abteilungsleiter der Liebe“ ist wohl so etwas wie die Fortsetzung von „Rauher Wind“ und „Lauf weg“ kann als zweiter Teil den Wahnwitz des Originals „Neuruppin“ natürlich nicht wiederholen. Die wenigen positiven Momente des fünften Albums von K.I.Z. können leider nichts mehr retten: Die lässig-monotone Marihuana-Verherrlichung „Koksen ist Scheisse” bietet jedoch beispielsweise fast acht Minuten Erholungspause für die Nerven. Auch wenn der Qualitätsverlust vorhersehbar war, überrascht er bei diesem 66-minütigen Werk in seiner Radikalität doch sehr. Auf Konzerten werden sich die Lieder sicher hervorragend mitgröhlen lassen, schließlich bietet das Quartett hier „Urlaub Fürs Gehirn“. Mit dem Song „H.I.T.“ erklären K.I.Z. den HipHop letztendlich für tot. Sie merken dabei scheinbar nicht, dass sie es bereits selbst sind.

Anspieltipps:

  • Küss mir den Schwanz
  • Urlaub fürs Gehirn
  • Abteilungsleiter der Liebe
  • Fremdgehen
  • Mr. Sonderbar
  • Koksen ist Scheisse

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