Okkervil River - I Am Very Far - Cover
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Okkervil River I Am Very Far


  • Label: Jagjaguwar/CARGO
  • Laufzeit: 51 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein beeindruckendes Werk, weil die Songs trotz voller Beladung nie im Bombast versinken.

Die Erfahrung, mit Roky Erickson das Album „True Love Cast Out All Evil“ (2010) produziert und eingespielt zu haben, bezeichnet Okkervil River-Kopf Will Sheff als eine „lebensverändernde Erfahrung“. Er hätte niemals zuvor für jemand anderen ein Album produziert. Die Arbeit habe ihn zwar ausgelaugt, aber auch vollkommen inspiriert. Aus dieser Situation heraus verfolgte Sheff nicht nur einen völlig neuen Ansatz im Songwriting, sondern experimentierte ebenfalls mit verschiedenen Produktionsweisen. Ergebnis dieser Neudefinierungen ist nun „I Am Very Far”, das sechste Album seiner Band nach dem Doppelschlag mit „The Stage Names“ (2007) und „The Stand Ins“ (2008). Es entstand in langen Schreibsessions, für die er sich vollständig zurückzog. „The idea was to not have any idea – to keep myself confused about what I was doing“, erklärt er seine Arbeitsweise. Es sind Songs auf „I Am Very Far“ zu hören, die in Intensivstarbeit mit großer Band live eingespielt wurden, andere wiederum wurden in improvisierten Proben auf Tonband aufgenommen und anschließend neu zusammengesetzt. Dies sind nur zwei der verschiedenen Aufnahmetechniken, die ausprobiert wurden.

Bedenkt man die angesprochenen Methoden, die für „I Am Very Far“ zum Einsatz kamen, verwundert es wenig, dass es ein außerordentlich wirres Album geworden ist. Es ist einem stätigen Wandel von Stimmungen und Klängen unterworfen. Das zeigt sich sogar innerhalb der einzelnen Lieder, wie zum Beispiel bei „Wake and Be Fine“: Der Song scheint mit Armen und Beinen um sich zu schlagen, wechselt ständig und aprubt Rhythmus und Melodie. Das Album oszilliert zwischen Nüchternheit („Piratess“), Raserei („Wake and Be Fine“), Euphorie („White Shadow Waltz“, „We Need a Myth“) und Melancholie („Hanging From a Hit“, „The Rise”). „The Valley“ stampft zu Beginn mächtig auf und lässt sich von schrillen Streichen tragen. „We Need a Myth“ ist ein emotionales Feuerwerk, während mit „Your Past Life as a Blast“ wiederum ein locker gespielter Gitarrenpopsong ertönt.

Es gibt eine riesige Bandbreite an Instrumenten zu hören: Als Beispiel können hier die Songs „Rider“ und „Wake and Be Fine“ genannt werden, für die Sheff zwei Schlagzeuger, zwei Pianisten, zwei Bassisten sowie sieben Gitarristen in Studio beorderte und sie die Songs intensiv wiederholen ließ, bis alles perfekt war. Für „White Shadow Waltz“ wurden u.a. Chöre, Streicher, Pauke, Tuba und Fagott verwendet. Selbst beim ruhigen und luftigen „Lay of the Last Survivor” hört man neben der Akustikgitarre eine Klarinette und Glockenspiel. „The Rise“ legt den Fokus auf ein lautstarkes Piano. Im Endeffekt verfolgen Okkervil River so viele Ansätze, dass es schwierig ist, alles zu erfassen. Sagen wir einfach: Es ist ein außerordentlich opulentes Album.

Man kann Okkervil River auf „I Am Very Far” eindeutig erkennen. Doch es ist ein fragmenthaftes und in sich sehr unruhiges, unausgeglichenes Album geworden. Dies und die Tatsache, dass sich die Melodien erst nach mehrmaligem Hören entfalten, erschweren den Einstieg in das sechste Album von Will Sheffs Band. Im Hinblick auf die vielfältigen Stimmungen, zahlreichen Instrumente sowie unterschiedlichen Songansätzen, ist „I Am Very Far“ ein recht komplexes aber vielleicht auch etwas zielloses Album geworden. Die fehlende Schlüssigkeit führt auch dazu, dass es manchmal schwierig ist, das Album wirklich als solches auszumachen und nicht nur als Ansammlung von Songs anzusehen. Möglicherweise hätte Sheff an einer Produktionsweise festhalten und sich auf weniger Instrumente konzentrieren sollen, um seinen Songs mehr Zusammenhalt zu verschaffen. Dennoch ist sein sechstes Werk mit Okkervil River wieder beeindruckend, auch weil die Songs trotz voller Beladung nie im Bombast versinken.

Anspieltipps:

  • Rider
  • White Shadow Waltz
  • We Need a Myth
  • Wake and Be Fine

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