Wild Beasts - Smother - Cover
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Wild Beasts Smother


  • Label: Domino Records
  • Laufzeit: 42 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Vom Pop-Wunderwerk zum staunend machenden Kunstwerk: die Wild Beasts sind Englands beste Indie-Band.

Ein Pop-Denkmal den Wild Beasts. Nachdem am Mainstream vorbeigegangenen Pop-Wunderwerk „Two Dancers“ vor zwei Jahren, besteht das dritte Album des nordenglischen Quartetts aus Kendal jeden Vergleich mit dem Meisterwerk, ohne der künstlerischen Repetition anheimzufallen.

Der augenfälligste Unterschied: regierten auf „Two Dancer“ hinreißende Indiependent-Hits, die aus dem esoterischen, wie erotischen Spannungsfeld von Hayden Thorpes Falsett und Tom Flemmings Bariton bestanden und die sich stetig zu katzenbalzartigen Umschmeichlungen tanzend trafen, kennt „Smother“ keine Independent-tauglichen Hits. Der Entfaltung des künstlerischen Potentials im Pop der Wild Beasts wird vollends Raum gelassen auf „Smother“, was den Einstieg erschweren mag, auf Dauer aber nichts als einen Gewinn darstellt.

Dass dabei der Downbeat das Tempo bestimmt, mag nicht unmittelbar eine Scheu belegen, schlicht die alten Hits strukturell zu wiederholen, er ist vielmehr der Boden bereitende Teppich, die feinverästelten, minimalistischen Rhythmusstrukturen und die stimmliche Präsenz von Thorpes barockem Falsett, wie Flemmings schwermütigen Bariton den Platz zu lassen, den beide musikalischen Mittel für ihre Experimentierfreude auf „Smother“ brauchen. Damit wäre die Essenz aus „Smother“ genannt: minimale, bisweilen höchst ungewöhnliche Strukturen der Rhythmik und zwei nach wie vor atemberaubende, sich komplementär vervollständigende Stimmen.

Allein der erste Song torpediert und überflügelt die nach „Two Dancers“ massiven Erwartungshaltungen in aufwühlender Direktheit, wie der Promotion-Text in seltener Wahrhaftigkeit vortrefflich zu preisen weiß. Mit pulsierender Dynamik, in der nur Thorpes Falsett und ein mutterseelen alleingelassenes Piano echte Töne zu treffen weiß, bauscht „Lion’s Share“ sich, gruselig, hypnotisierend und wunderschön, crescendoartig auf, indes ohne die geweckte eruptive Entladung im Refrain. „It’s a terrible scare / but that’s why the dark is there: / so you don’t have to see what you can’t bear.”, singt Thorpe uns direkt in den Gehörgang, um eine Schwermut zu zelebrieren, die sofort in „Bed Of Nails”, in geradezu traumwandlerischer Leichtigkeit, in luftige Liebeshöhen entführt wird und bei der man sich seinem Seelennächsten am liebsten zu Füßen werfen würde um ihn oder sie und die Liebe an sich zu preisen, indem man laut mitsingt: „I would lie anywhere with you/ any old bed of nails would do.“

Der achterbahnartige Gefühlseinstieg darf als Blaupause für den Rest von „Smother“ angesehen werden: ob das in sich gewandte „Loop The Loop“ und das zauberhaft sprudelnde „Plaything“, die treibende erste Single „Albatross“ und das in „Two Dancers“-Struktur gehaltene „Reach A Bit Further“ mit seinem Call-and-Response-Gesangspassagen, das entrückte, traumwandlerische „Burning“ und das resümierend, abschließende „End Come Too Soon“, immer stehen sich die Songs als Partner des Unterschieds und als Partner der Möglichkeit auf Leidenschaft gegenüber.

Alle große Bands/Künstler entwickeln sich und ihren Sound weiter. Von Caribou bis Tom Waits. Was an und für sich schon längst keine Überraschung mehr ist, macht doch jedes Mal erneut staunend, wenn, wie bei dem dritten Album der Wild Beasts, jene gewinnbringende und verneigungswürdige Weiterentwicklung konstatiert werden kann. Vom Pop-Wunderwerk zum staunend machenden Kunstwerk: die Wild Beasts sind Englands beste Indie-Pop-Band.

Anspieltipps:

  • Lion’s Share
  • Bed Of Nails
  • Plaything
  • Reach A Bit Further
  • Loop The Loop

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