Panda Bear - Tomboy - Cover
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Panda Bear Tomboy


  • Label: Paw Tracks/INDIGO
  • Laufzeit: 50 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Gedanke an Pandas entzückt Menschen auf der ganzen Welt. Doch das sich lediglich von Bambus ernährende, rundliche und plüschige Säugetier ziert nicht umsonst das Logo des WWF. Denn dass die Pandas, zu deren natürlicher Lebensraum nur noch der Südwesten Chinas gehört, vom Aussterben bedroht sind, wird dabei gern übersehen. Nicht nur die Zerstörung seines Lebensraumes durch den Menschen, sondern auch die Jagd auf sein Fell haben seine Zahl auf nur noch etwa 1000 lebende Tiere dezimiert.

Warum sich Noah Benjamin Lennox, seines Zeichens Mitglied von Animal Collective, ausgerechnet nach diesem Tier benannt hat, ist soweit nicht bekannt. Einen Künstler wie ihn gibt es jedoch ähnlich selten zu finden wie den Panda: Zuletzt begeisterten er und sein Kollektiv mit dem Album „Merriweather Post Pavilion“ (2009) Kritiker sowie Fans und fanden sich in diversen Jahrespolls schließlich auf den obersten Rängen wieder. Auch mit seinem letzten Soloalbum „Person Pitch“ aus dem Jahr 2007, auf welchem Lennox vorrangig recht transparent klingende und auf vielen Samples basierende, aber kompliziert geschichtete und repititive Songs produzierte, berauschte Lennox die „Indie-Gemeinde“. Höher kann man Messlatten nicht stecken und Lennox neues Album „Tomboy“ wird wieder viele Lobeshymnen mitnehmen, aber vielleicht nicht jeden Fan vollends zufrieden stellen.

Als Tomboys werden allgemein Mädchen und Frauen bezeichnet, die wider ihrer gesellschaftlich zugeschriebenen Geschlechterrolle agieren und Verhaltensmuster annehmen, die sonst eher männlichen Wesen nachgesagt werden. Das Mädchen auf dem Cover zu „Tomboy“ weint. Ein Hinweis auf einen Kampf mit dem inneren Ich? Immerhin zog Panda Bear sich in einen Keller zurück, um die Stücke dieses Albums zu schreiben und aufzunehmen. Lennox erklärt: „A lot of the songs are about something that's in conflict with itself, so the image of a „Tomboy” has become the overseeing figure as far as the group of songs go.” Doch „Tomboy“ klingt nicht zerrissen. Im Gegenteil: Es ist ein sehr geschlossenes Album, das dennoch mit vielen verschiedenen Sounds experimentiert. Entgegen der vielen Samples auf „Person Pitch“, verwendet Lennox jetzt Synthesizer und Gitarren, legt mehr Wert auf durchgängige Rhythmen und versieht seine Songs wieder mit den typischen, an die Beach Boys erinnereden Vocals. Panda Bear erklärt seinen neuen songwriterischen Ansatz wie folgt: „I got tired of the severe parameters of using samplers. Thinking about Nirvana and the White Stripes got me into the idea of doing something with a heavy focus on guitar and rhythm.”

Typisch für Panda Bear und Animal Collective ist, dass vielfach Sounds, Gesangsteile und Rhythmen in repitierende, sich endlos steigernde und fallende Kreisläufe verfallen. Als würde Lennox hunderte von Loops übereinanderlegen und mit einem krassen Hall überdecken, der so gut wie jeden Song zu einem voluminösen Klang verhilft. Gerade an diesem starken Halleffekt dürfte ein Teil seines Publikums Anstoß nehmen. Doch es gibt noch viel mehr Effekte auf „Tomboy“ zu hören: Bei „Drone“ beispielsweise versieht Lennox seine Stimme zusätzlich mit einem Tremolo-Effekt, während die Keyboards lautstark wie vielfache Sirenen überlagern. Die „Surfer's Hymn“ unterlegt er wiederum passend mit Wellengeräuschen, die das an- und abschwillen der Sounds und Melodien auf „Tomboy“ sehr gut versinnbildlichen.

Trotz dieser vielschichtigen sowie schlichtweg experimentellen Songs ist „Tomboy“ aufgrund seiner poppigen Melodien und nochmals im Gegensatz zum letzten Album kurzen Lieder ein ungleich einfach zugängliches Album. Passend zu dem stärkeren Fokus auf Rhythmus und zahllosen Schichten fährt das Album eine Recht dicke Produktion auf, in der die vielen Klänge miteinander verschwimmen. Schon bei der Eröffnung, „You Can Count On Me“, welches vorsichtig die Grundlage für den Rest des Albums legt, hört man die an einen Jungenchor erinnernden Vocals. Mit dem Song „Tomboy“ geht es dann letztendlich in den tiefen Strudel, der einen mit in eine andere Welt nimmt – oder eben wieder ausspuckt.

Denn es gibt sicherlich Menschen, die vollkommen begeistert in die Klangwelten von Panda Bear eintauchen und sich darin verlieren können. Vielen wird die Tür in das Reich des Animal Collective Mitglieds aber möglicherweise auch verschlossen bleiben. So erklären sich die vielerorts außerordentlich positiven Kritiken zu „Tomboy“, aber auch die negativen Gegenstücke. Man muss, auch als Fan, nicht alles gut finden, was ein Künstler verbreitet. Allerdings ist es bei diesem Album in der Tat so, dass man anerkennen muss, was Noah Benjamin Lennox hier erschafft. „Tomboy“ ist vielleicht nicht die Revolution in Musik, aber ganz sicher auch kein Schmarn, sondern ein künstlerisch äußerst ambitioniertes Werk mit Inhalt und Seele. Diese sehen und zu hören zu können, das ist möglicherweise wiederum die Kunst des Rezipienten. Dem Autor dieser Zeilen jedenfalls zeigte Panda Bears „Tomboy“ eine Welt von selten gesehener Schönheit.

Anspieltipps:

  • You Can Count On Me
  • Surfer's Hymn
  • Last Night At The Jetty
  • Drone
  • Afterburner

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