Neal Morse - Testimony 2 - Cover
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Neal Morse Testimony 2


  • Label: InsideOut/EMI
  • Laufzeit: 115 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Neal Morse ist besonders gut, wenn er Prog-Standardpassagen umgeht und versucht eine bestimmte Stimmung einzufangen, um der Thematik eines Songs eine tiefere Bedeutung zu verleihen.

Der Lebensinhalt muss schon einiges hergeben, wenn es möglich sein soll daraus eine musikalische Lebensgeschichte zu schreiben. Neal Morse, der ehemalige Frontmann von Spock´s Beard, hat einiges zu berichten und bereits den zweiten Teil über sein Leben fertiggestellt. Er greift dabei das Covermotiv der ersten „Testimony“-Platte auf und zeigt dabei die Zeit die vergangen ist, wie der Baum auf dem Cover in der Zwischenzeit gewachsen ist und damit einhergehend sich das Leben entfaltet hat. Die Fortsetzung seiner Geschichte umfasst dabei drei nächste Kapitel (Teil 6 bis 8), die in einzelne Songs untergliedert sind. Im Gegensatz zum ersten Teil sind auf „Testimony 2“ nicht beide CDs der Lebensgeschichte gewidmet. Die zweite Scheibe beinhaltet drei Songs, die wohl in der Zwischenzeit entstanden sind und eine Art Bonus darstellen.

Im Westen nichts Neues heißt die Devise, denn Neal erzählt von seinem Glauben und wie er sein Leben stark verändert hat, wie er seine Bands Spock´s Beard und Transatlantic verlassen hat und so weiter. Jeder, der sich im entferntesten mit dem Schaffen von Herrn Morse beschäftigt hat, dürfte die Geschichte schon etliche Male gehört haben. Wem das nicht ausreichen sollte, zeitgleich erscheint auch das Buch mit Neals Lebensgeschichte. Nach der Wiedervereinigung mit Transatlantic im Jahre 2009 keimte die Hoffnung auf, dass Neal Morse endlich aus seinem Kreislauf der immer gleichen Thematik ausbrechen könnte. Fehlanzeige. Vielleicht ist „Testimony 2“ aber lediglich eine Zusammenfassung des bisherigen, bevor er einen neuen Abschnitt bestreitet. Mit den Jungs von Spock´s Beard hat er sich ja ebenfalls wieder vertragen. Er tauchte auf dem letzten Album „X“ auf, genauso wie sie jetzt auf dem vorliegenden Album mitmischen. Die Bärte machen inzwischen die deutlich interessantere Musik, eine Wiedervereinigung wäre also nicht unbedingt wünschenswert.

Damit wären wir bei der Musik angelangt. Neal macht das was er am besten kann, nämlich starke Melodien schreiben und diese in einen Retro-Prog-Gewand packen. Er ist schon ein Meister seines Fachs und hat eine sehr angenehme Farbstimme, keine Frage, aber mittlerweile ist seine Musik zu stark Schema-F behaftet. Im Grunde gilt: kennt man eine CD, kennt man alle. Das ist ein Problem, dass nicht nur Herrn Morse betrifft, sondern das Genre Retro-Prog an sich. Die Musik mag zu Beginn komplex, interessant und vielschichtig klingen, aber nach einigen CDs ist auch dies über- und durchschaubar. Ein bisschen Gefrickel hier, ein wenig Pathos da, eine Prise Bombast, dann wieder eine Herzschmerz-Ballade. Das ist alles nicht schlecht, aber eben auch nicht wirklich gut, denn irgendwann hat man sich satt gehört an den ständig ähnlichen Abläufen. Zum Beispiel „Overture No. 4“ ist so ein Fall mit etlichen Standards und dann auch noch einem Ende, das von Dream Theater hätte stammen können, aber schließlich bearbeitet auch Ex-Dream-Theater Mike Portnoy die Trommeln.

Neal Morse ist besonders gut und sticht aus dem Einheitsbrei heraus, wenn er diese Prog-Standardpassagen umgeht und versucht eine bestimmte Stimmung einzufangen, um der Thematik eines Songs eine tiefere Bedeutung zu verleihen. In „Jayda“ gelingt es ihm vorbildlich ein trauriges Thema in eine sich musikalisch entwickelnde Umgebung einzugliedern ohne den typischen Balladenschmalz zu verschmieren. Auch „Jesus‘ Blood“ schafft den Spagat zwischen laut und leise und erinnert wie vieles auf dem Album an die Anfänge von Spock´s Beard. Ein rundum gelungener Track ist auch „It’s For You”. Oft rettet aber lediglich ein guter Refrain, ein nettes Gitarrensolo oder eine Saxophoneinlage einen Song vor seiner Mittelmäßigkeit. Ob „Testimony 2“ nun besser oder schlechter als Neals vorherige Alben ist, rückt damit völlig in den Hintergrund. Die zusätzliche CD bietet zwei kürzere und einen 25-minütigen Song. Dieser Longtrack namens „Seeds Of Gold“ kann durchaus überzeugen, besonders im zweiten Teil, wenn die Gitarrenkoryphäe Steve Morse ein klasse Solo beisteuert.

Klasse statt Masse ist etwas, was sich viele Progger hinter die Ohren schreiben sollten. Vielleicht verstehen sie irgendwann, dass zwei Stunden Musik mit einem starken Wellengang der Qualität nicht den gleichen Eindruck hinterlässt wie 50 Minuten mit gleichbleibender Qualität. Weniger wäre nämlich auch hier mehr gewesen. Allein Gott weiß, wie viele „Testimony“-Teile Neal noch schreiben wird. Bleibt ihm zu wünschen, dass sich sein Leben wieder für andere Themen öffnet und nicht nur von einem einzigen beherrscht wird. Dann wird sicherlich auch seine Musik wieder neue Impulse bekommen und ihr momentanes Korsett sprengen. Ansonsten besorgt sich jeder das „Blitzdings“ aus „Men In Black“, mit dem man sich die musikalischen Neal-Morse-Erinnerungen immer wieder löschen und damit jedes Album immer wieder neu genießen kann.

Anspieltipps:

  • Seeds Of Gold
  • Jayda
  • Jesus’ Blood
  • Chance Of A Lifetime
  • It’s For You

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