My Dying Bride - Evinta - Cover
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My Dying Bride Evinta


  • Label: Peaceville/EDEL
  • Laufzeit: 87 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Eigentlich sollte „Evinta“ im vergangenen jahr zum 20. Geburtstag von My Dying Bride erscheinen. Doch wie es der Teufel so wollte, die Veröffentlichung verschob sich immer wieder und so ist „Evinta“ das Geburtstagsgeschenk der Band an ihre Fans zu ihrem eigenen 21. Jahrestag. Es ist das 13. Album (rechnet man die beiden Live-Alben mit) in der Diskografie der britischen Doom-Metaller. Ob die Unglückszahl sich negativ auf das Album auswirkt, liegt im Ohr des Zuhörers.

Einfach gemacht hat es die Band ihren Fans eigentlich nie. Früh entwickelten My Dying Bride einen sehr eigenen Stil, der sie zur Speerspitze des Doom werden ließ. Auf lyrischer Ebene wurde schon immer ein ausgeprägter avantgardistischer Stil von Texter, Sänger und Bandleader Aaron Stainthorpe präsentiert. Musikalisch konfrontierten sie z.B. ihre Metal-Fans mal mit einem siebenminütigen CD-Intro aus Cembalo, Geige und cleanem Gesang („Turn loose the swans“, 1993) oder einem in seiner Gesamtheit sehr experimentellen Album wie „34,788% Complete“ aus dem Jahre 1998.

Die genannten Alben umreißen auch das, was den Hörer auf „Evinta“ erwartet: Experimentelle, größtenteils von klassischer Musik umwehte Klänge. Ein mutiger Ansatz, denn auch wenn die Die-Hard-Fans der Band sicherlich dem derzeitigen Quintett die Stange halten, ein Album einer Metalband, welches auf den Ersteindruck gar nichts mit Metal zu tun hat, kann Kontroversen auslösen. Melodien und Thematiken aus dem reichhaltigen Fundus aus 20 Jahren werden verwendet und in neue Kontexte gebracht. Zum Beispiel ist die Grundmelodie von „You are not the one who loves me“ formal identisch mit der von „Bring me victory“ vom „For Lies I Sire“-Album (2009). Der große, entscheidende Unterschied hier wie auch bei anderen Versatzstücken ist die gänzlich andere Instrumentierung. Zudem hat Aaron Stainthorpe seine Gesangspassagen umgestaltet und spricht, bis auf wenige Momente, anstatt guttural oder clean zu singen. Den eigentlichen Gesangspart übernimmt bereits im beeindruckenden Opener „In your dark pavilion“ die französische Sopranistin Lucie Roche, die dem gewohnt düsteren, melancholischen Gesamtbild immer wieder positive Facetten abgewinnt.

Neben dem klassischen Grundgerüst, dem auch weitere klassische Musiker angehören, feilte Bal-Sagoth-Keyboarder Johnny Maudling an dem Doppel-Silberling mit, dessen Entstehungszeit von der Band mit 15 Jahren angegeben wird. Dies merkt man vor allem „The distance, busy with shadows“ an. Neben einer melancholischen Pianomelodie stehen punktuell einsetzende sphärische Elektronik-Passagen, die irgendwo zwischen Jean Michel Jarre und Dreamdance liegen. Eine Kombination, die extrem gewöhnungsbedürftig ist und nicht 100% zünden will. Dies heißt nicht, das es ein schlechter Song ist, dazu haben die Briten, die auch schon mal einen reinen TripHop-Track auf einem Album versteckt haben, kompositorisch zu viel drauf.

Alles in allem, „Evinta“ ist eine spannende Doppel-Scheibe. Die neue Herangehensweise an ihre melancholische, fast depressive Musik ist, so widersprüchlich es klingt, frisch und bildet eine Brücke zwischen E- und U-Musik. Dies liegt vor allem daran, dass Kenner von klassischer Musik auch immer wieder Elemente wiedererkennen werden, die aus klassischen Requien zu stammen scheinen, so in dem großartigen „And then you go“, in dem neben Chorälen, Lucie Roche eine perfekte Gesangsleistung darbietet, die neben der getragenen Melodie hervorsticht. Schade, dass mit „A Hand of awful rewards“, ähnlich wie „The Distance, Busy with shadows“, ein Track der nicht so richtig in die Gänge kommt (sofern man das bei doomigen Klängen überhaupt sagen kann) am Ende der starken Scheiben steht. Dabei werden sich die Herren Produzenten Maudling, Stainthorpe und Craighan (sonst Gitarrist der Band), die ihre Arbeit sehr gut gemacht haben, aber sicherlich etwas gedacht haben.

Ob mit dem mutigen Album, welches übrigens auch in einer 3-CD-Box zu haben ist, My Dying Bride Fans verlieren oder gewinnen wird sich zeigen. Außer Frage steht, dass sie etwas erschaffen haben, was die Brücke zwischen Musikkulturen schlägt, ihre eigene bisherige Karriere auf neuartige Weise rekapituliert und vielleicht einen Fingerzeig auf die nächsten Alben von My Dying Bride bildet.

Anspieltipps:

  • In your dark pavilion
  • Of lilies bent with tears
  • Vanité triomphante
  • And then you go

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