Haudegen - Schlicht & Ergreifend - Cover
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Haudegen Schlicht & Ergreifend


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 80 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
4.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Hörer muss sich überlegen, ob dieses überlange Pop-Monster wirklich das ist, was er die nächsten Wochen aus der Heimanlage hören möchte.

In der heutigen Gesellschaft ist es schwer, noch aus der Masse herauszustechen. Lady Gaga stolziert im Fleischkostüm durch die Gegend und laut der Boulevardpresse sammeln Stars Skandale, wie Beamte Stempel. Da muss man schon clever sein, wenn man mit einer neuen Idee punkten will. Der neueste Versuch der deutschen Musikindustrie ist bei diesem Wettstreit das Duo Haudegen. Die beiden „einfachen Typen von der Straße“ sollen das ehrliche Arbeiterimage verkörpern, das Volksnähe schaffen soll. Zwei Ostberliner, die aus dem Ruhrpott der Vergangenheit kommen könnten mit Stimmen die zwischen kratzend tief und Kopfstimme hoch keinen gemeinsamen Nenner finden wollen. Die „Gassenpoesie“ der einfachen Leute wird jedoch sofort als Neuerfindung des Rades gefeiert und so hatte die knackige EP schon beachtliche Erfolge. Jetzt wurde schnell das Doppel-Album „Schlicht & Ergreifend“ herausgebracht, um auch dem letzten beweisen zu können, dass die Musikgeldmaschinerie der Marke Big Brother noch immer funktioniert.

„Flügel & Schwert“ blendet den Hörer von der ersten Minute an und hofft, dass mit einer kraftvollen Stadion-Pop-Hymne der Drops gelutscht ist. In diesem Song wird die Musik aus der Konserve noch gut kaschiert, da der Chorus tatsächlich zum Mitsingen einlädt und auch die anstrengende Gesangsleistung des Duos lediglich anders, aber noch nicht schlecht wirkt. Danach offenbart sich, dass jeder Track mehr oder weniger identisch beginnt. Eine Akustikgitarre beginnt die Melodie des Albums, bevor synthetische Streicher, E-Gitarren, Bass und Drums einsetzen. Dazwischen der Gesang, der seine Authentizität schnell gegen unangenehmes Kratzen eintauscht. Die Lieder haben mit Jungs von der Straße nichts mehr zu tun, sondern klingen allesamt wie Balladen von Unheilig. Wer auch mal harte Töne erwartet wartet vergebens. Wunderbar produziert versucht man die Banalität der Texte zu verheimlichen. Hier ist nichts von ganz besonderer Arbeitersprache oder Gossenpoesie zu hören. Radiodeutschland grüßt und kann die Texte dank ihrer Austauschbarkeit bestimmt im zweiten Anlauf schon mitsingen.

Mal mit ausländischen Elementen, sodass statt internationalem Pop auch französische und spanische Elemente zum Vorschein kommen, wie zum Beispiel in „Alles War Besser“. Was daran noch mit echten Worten aus den Straßen zu tun hat, macht ratlos und der Hörer ärgert sich hoffentlich inzwischen, dass er nicht doch alte Platten von Tom Waits gekauft hat. Der Mann hat noch mit harten Worten aus den einfachen Vierteln jongliert und nicht minutenlang über Nichts gesungen. Haudegen schaffen es in keiner einzigen Minute ihrem Image gerecht zu werden und bedienen sich stattdessen schamlos dem Pop von der Stange. Das klingt mal besser, mal schlechter, nie wirklich echt und ist am Ende so kurzweilig wie Lena Meyer-Landruths Ruhm. War Lena jedoch wirklich die etwas ausgeflippte Sängerin mit Sprachfehler und Niedlichkeit, lässt sich die herzliche Wärme des Berliner Duos in all den künstlichen Emotionen der überproduzierten Lieder auf „Schlicht & Ergreifend“ an keiner Stelle erkennen. Selbst wer nicht mehr als simplen Pop erwartet, wird von diesem Album enttäuscht, da der Gesang so unflexibel wie Pattex ist und allein die Klanggerüste um die polarisierenden Stimmen werden ab und an geändert. So viel Einfallslosigkeit macht keine Quantität eines Doppel-Albums wett und so muss der Hörer sich mehrmals überlegen, ob dieses überlange, unglaubwürdige Pop-Monster wirklich das ist, was er die nächsten Wochen aus der Heimanlage hören möchte.

Anspieltipps:

  • Flügel & Schwert
  • Alles War Besser
  • Deutschland Ein Wintermärchen

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