Casper - XOXO - Cover
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Casper XOXO


  • Label: Four Music/Sony Music
  • Laufzeit: 48 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Casper beschreitet einen anderen Weg, als die meisten seiner Deutsch-Rap-Kollegen.

Es gibt in diesem Jahr kein zweites Deutsch-Rap-Album, das von der Fanszene sehnsüchtiger erwartet wird als das neue Werk „XOXO“ des 28jährigen Benjamin Griffey alias Casper. Das zweite Soloalbum des als Emo-Rapper deklarierten Sohnes eines US-Army-Soldaten soll nämlich nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Rettung des stagnierenden HipHop-Segments sein. Die hohen Erwartungen sind dem vergriffenen Solodebüt „Hin Zur Sonne” (05/2008) und dem ebenfalls offiziell nicht mehr erhältlichen Mixtape „Die Welt Hört Mich“ (04/2006) geschuldet, die auf eBay und ähnlichen Auktionsplattformen seit Wochen Rekordpreise erzielen.

Besonders mit „Hin Zur Sonne” setzte der Rapper Maßstäbe, was tiefgehende und persönliche Texte betrifft, die nichts mit den oftmals klischeetriefenden Ergüssen der so genannten Street-/Ghetto- und Gangsta-Rapper gemein haben. Casper erzählt aus seinem Leben, von seiner Kindheit, seiner Familie, seiner Liebe und benutzt dazu Worte und Bilder, die intelligent, clever und berührend sind. Auf „Hin Zur Sonne” stehen dafür z.B. Tracks wie „Deine Jugend“, „Unzerbrechlich“ und „Strasse“, mit denen der heute 28-Jährige qualitativ nur schwer zu schlagende Vorlagen abgibt.

Auch musikalisch beschreitet Casper einen anderen Weg, als die meisten seiner Deutsch-Rap-Kollegen. So geht es auf „XOXO“ nicht um die dicksten Beats, die drückendsten Bässe, die abgefahrendsten Samples und die meisten Promi-Gäste. Casper führt HipHop und Indie-Pop/Rock zusammen und wagt sich damit auf bisher unbekanntes Terrain. Bezeichnend dafür ist, dass es mit Marteria lediglich einen einzigen Feature-Gast aus dem HipHop/Rap-Bereich gibt. Andererseits ist dies keine totale Überraschung, denn Casper ist u.a. mit der Musik der „Hamburger Schule“ (Tocotronic, etc.) aufgewachsen. Daher passt es auch, dass Tomte-Mastermind Thees Uhlmann im Titeltrack mit seinem markanten Gesang auftrumpfen kann. Übrigens ein Song, in dem Schlagzeug, Gitarre und Bass dominieren und mehr Rock- als HipHop-Stimmung verbreiten.

Thees Uhlmann auf einem HipHop-Album – bis gestern war dies noch unvorstellbar. Schwer vorstellbar war allerdings auch, dass Casper das Niveau von „Hin Zur Sonne” auf „XOXO“ halten bzw. noch toppen kann. Doch auf seinem Majordebüt geht der 28-Jährige weder Kompromisse ein, noch liefert er eine Reproduktion des Vorgängers ab. Casper steigert die Gänsehautmomente sogar noch. Und so nimmt „XOXO“ den Hörer von Anfang an mit dem hypnotischen Track „Der Druck steigt“ gefangen, indem Chorgesänge, E-Gitarren und herzschlagartig pumpende Bässe für eine beklemmend düstere Atmosphäre sorgen, die sich nahtlos in dem mit Old-School-Beats versetzten „Blut sehen“ fortsetzt. Stücke wie „Alaska“, „Das Grizzly Lied“, „230409“ und vor allem „Michael X“ (eine Hymne auf Freundschaft, eine verkorkste Jugend und ein viel zu kurzes Leben) schnüren dem Hörer mit ihrer Intensität die Luft zum atmen ab, während „So perfekt“ (featuring Marteria), „Lilablau“ und „Die letzte Gang der Stadt“ einen perfekten Crossover in Indie-Rock-Dimensionen hinlegen und wie eine Kooperation mit den Editors klingen.

Die Puristen unter Deutschlands HipHoppern werden angesichts „XOXO“ womöglich laut aufschreien, denn Casper wagt auf diesem Album etwas wirklich Neues. Denn wir sprechen nicht von einer Neuauflage des unsäglichen Rap-Rock – in diesen Verdacht gerät „XOXO“ wahrlich nicht! –, sondern von einer mutigen Weiterentwicklung im Bereich des HipHop. Dass Caspers Texte daran entscheidenden Anteil haben, muss im Prinzip nicht mehr erwähnt werden. Doch in der Tat ist das Gesamtpaket aus Musik und Text auf „XOXO“ genau wie auf „Hin Zur Sonne” vor drei Jahren eine schier unantastbare Allianz.

Anspieltipps:

  • XOXO
  • 230409
  • Michael X
  • Der Druck steigt
  • Kontrolle / Schlaf

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