Bon Iver - Bon Iver - Cover
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Bon Iver Bon Iver


  • Label: Beggars Group/INDIGO
  • Laufzeit: 40 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Aufmerksamkeit, die Justin Vernon alias Bon Iver als Singer/Songwriter zuteil wird, ist erstaunlich, bedenkt man, wie unspektakulär seine Musik eigentlich ist. Die überragenden Kritiken und nicht zuletzt das Feature auf Kanye Wests letzten Album „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ dürften da ganze Arbeit geleistet haben. Der Lagerfeuer-Folk mit seiner Lo-Fi-orientierten Produktion von „For Emma, Forever Ago“ war von Stimmungen der Einsamkeit und Trostlosigkeit geprägte Musik, bei der Justin Vernon von eher spärlicher Instrumentierung begleitet wurde. Grundsätzlich griff er zur Gitarre und lies sich von leichter Percussion, einigen Bläsern und wenigen weiteren Instrumenten zur atmosphärischen Untermalung umrahmen. Mit seinem neuen Album „Bon Iver“ ändert sich nun diese Herangehensweise grundlegend und die Auswahl an Instrumenten um ein vielfaches.

Zwar ähnelt der zweite Langspieler des Sängers atmosphärisch grundsätzlich seinem Vorgänger, hier wird Vernon jedoch stets von einer ganzen Band begleitet. Auch wenn die Melancholie wieder die tonangebende Emotion ist, wird diese in ein ungleich wärmeres Klangbild gebettet. Dies macht das Album gewiss zu einem vielfältigeren und etwas loseren Verbund an Songs. Manchmal bleibt jedoch etwas unklar, ob für die gewünschte Eindringlichkeit tatsächlich diese Fülle an Instrumenten nötig gewesen wäre, da sie sich etwas mit der wieder unaufwendigen Produktion beißen. „Perth“ eröffnet zunächst noch leise lediglich mit einer Gitarre. Doch schon bald fügen sich schwebende Chöre, marschierende Drums sowie Waldhorn, Trompete, Violine, Viola und Saxophon in die Komposition und steigern sich zu einem ungeahnt intensiven und lauten Inferno. Justin Vernons Stimme ist noch immer so zart wie auf „For Emma, Forever Ago“ und windet sich in den höchsten Tönen. Doch es gibt auch Songs wie „Hinnom, TX“, bei denen er sein Falsett mit den tieferen Tonlagen seiner Stimme hervorragend zu kontrastieren weiß.

Die Lautstärke sowie die instrumentale und stimmliche Vielfalt sind jedoch nicht die einzigen Überraschungen auf „Bon Iver“: Schon das vorab veröffentlichte Stück „Calgary“ verwirrte mit dem Einsatz von summenden und flirrenden Synthesizern. Diese begegnen dem Hörer z.B. auch beim Stück „Michicant“ und sind meist äußerst subtil eingesetzt. Einen wahrlich überragenden Moment markiert jedoch das Stück „Holocene“: Auch hier kommen wieder die Synthesizer und Bläser zum Einsatz, hinzu kommen u.a. Handclaps und Vibraphone. Hier ist jedoch alles so über den Song verteilt, dass er einem stetigen Wandel unterliegt und Vernons wunderbare Gesangsmelodie zu keinen Zeitpunkt aus dem Fokus rückt. Auch die darauf folgenden Stücke „Towers“, welches ab der Hälfte über sein Pedal Steel und das Schlagzeug eine countryeske Wendung erfährt oder das eher minimalistische „Michicant“ treiben mit ihren intensiven Stimmungen Tränen in die Augen. „Wash.“ konzentriert sich auf sein durchgehendes Piano und die Streicher, während das abschließende „Beth/Rest“ mit starkem Hall auf der Stimme, den Synthies und dem Saxophon wiederum super einen Liebesfilm aus den 80ern untermalen könnte.

Einen Ohrwurm à la „Skinny Love“ hat „Bon Iver“ indes nicht zu bieten. Allgemein fällt auf, dass das Album mehr von Stimmungen sowie an- und abschwillenden Kompositionen getragen wird als von eingängigen Melodien. Dies führt dazu, dass „Bon Iver“ ein auf emotionaler Ebene zwar sehr berührendes Album geworden, aber in manchen Teilen vielleicht auch nicht besonders einprägsam ist. Zudem kann man über den Sinn von Zwischenspielen wie „Lisbon, OH“ gewiss streiten. Dennoch ist Justin Vernon und seinen Musiker/innen hier ein besonders einfühlsames und berührend trauriges zweites Album gelungen, das mit einigen überwältigenden Momenten und vielfältigen Liedern hervorsticht.

Anspieltipps:

  • Holocene
  • Towers
  • Wash.
  • Calgary
  • Beth/Rest

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