Amon Tobin - Isam - Cover
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Amon Tobin Isam


  • Label: Ninja Tune /Rough Trade
  • Laufzeit: 50 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Mit seinem letzten Album „Foley Room“ (03/2007) setzte Amon Tobin ein deutliches Zeichen. Er verlies die Enge seines Produktionsstudios, begab sich auf Samplesuche und formte letztendlich ein mutiges wie bizzares Werk, das weit mehr war als nur ein clever arrangiertes Konstrukt aus Geräuschen, Sounds, Beats und Loops. „Foley Room“ war eine außergewöhnliche, unkonventionelle Erfahrung, die fernab jeglicher Trends eine Faszination ausübte, die über das normale Kennenlernprozedere eines Albums hinaus ging. Erklingen gerade Motorengeräusche, ist es das Brüllen eines Löwen oder verspeisen da womöglich ein paar Ameisen eine saftige, grüne Raupe? Experimentelle Elektronik gepaart mit Chuzpe, Spaß und Entdeckungsdrang. Wie will der Brasilianer das toppen?

„ISAM“, Tobins siebentes Studioalbum, versucht dies erst gar nicht, sondern schlägt gleich zu Beginn einen ganz anderen Weg ein. Die exzessive Zelebrierung und Zurschaustellung der neu gewonnenen Samples auf dem Vorgänger ist in den Hintergrund getreten und folgt nun einer songdienlicheren Herangehensweise. Der experimentelle Charakter bleibt zwar bestehen, aber da Amon diesmal alle Elemente eines Tracks gleichberechtigt behandelt, wechselt der Fokus von musikalischer Entdeckungsreise hin zu ungewöhnlichen Klängen in elektronischer Umgebung. Nach den ersten paar Durchgängen mag diese Entscheidung noch falsch erscheinen, doch spätestens nachdem bei einer Nummer der Aha-Effekt eingesetzt hat, dringen auch die übrigen ins kollektive Unterbewusstsein ein und lassen den Hörer so schnell nicht mehr los.

Sehr förderlich für diesen Prozess ist die durchkomponierte Ader von „ISAM“. War „Foley Room“ noch eine Aneinanderreihung von Feldaufnahmen mit einem bestimmten, in sich abgeschlossenen Thema, so zieht sich beim Nachfolger eine dunkle, morbide Stimmung durch die Songs, die immer wieder von anderen Gesichtspunkten beleuchtet wird. Entweder darf sie inmitten wabernder Klangflächen dem Sonnenuntergang beiwohnen („Journeyman“), unruhig-zappelnd aus den Boxen krachen („Piece of paper“), im Drum&Bass-Rhythmus einem progressiven Samplerausch anheim fallen („Goto 10“), an sämtlichen Nervenenden kratzen („Surge“), von einer verirrten Gitarre in ihr Dystopia geführt werden („Lost&Found“), als träges Breakbeatmonster um sich schlagen („Mass&Spring) oder sich trotz Schlaf-Kindlein-Schlaf-Glöckchenmelodie voll und ganz ihrer schwarzen Seele hingeben und einen eindringlichen Drum&Bass-Angriff starten („Bedtime stories“).

Hinzu kommen noch zwei Vertreter aus der Abteilung „Blaupause“ (Wooden toy“, „Calculate“), ein mäßig spannender Beitrag mit Frauengesang („Kitty cat“) und die beiden Abschlussnummern „Night swim“ und „Dropped from the sky“. Während mit ersterer Arnold Schönberg aufgrund ihrer seriellen Methodik seine wahre Freude hätte, so ist letztere leider nicht mehr als eine halbgare Verquickung von sehnsüchtigen Melodien, nervigen Vokalsamples, sowie verstörenden und nach allen Regeln der Kunst verstümmelten Soundeffekten. Nichtsdestotrotz sind die zwölf auf „ISAM“ enthaltenen „Soundskulpturen“, wie sie Tobin selbst nennt, auf ihre einzig- wie eigenartige Weise das Spannendste, was in den letzten Jahren auf dem Bereich der experimentellen Musik veröffentlicht wurde. Eigentlich kein Wunder, wenn man ein Album wie „Foley Room“ als Vorlage nehmen durfte.

Anspieltipps:

  • Goto 10
  • Journeyman
  • Lost & Found
  • Mass & Spring
  • Bedtime Stories

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