Depeche Mode - Exciter - Cover
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Depeche Mode Exciter


  • Label: Mute/EMI
  • Laufzeit: 56 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Als sich Depeche Mode 2001 mit ihrem zehnten Studioalbum „Exciter“ zurückmelden, sind die Wunden, die Mitte der 90er-Jahre durch zwei einschneidende Ereignisse entstanden sind, noch nicht verheilt. 1995 verlässt Keyboarder und Sound-Mastermind Alan Wilder die Band, um sich seinem Solo-Projekt Recoil zu widmen. Mit Wilder ging ein Mann, der sich im Laufe der Jahre zu einem begnadeten Arrangeur und Studiotüftler entwickelte und für die Band mindestens ebenso wichtig war wie Songschreiber Martin Gore. Im Jahr darauf erreicht die Drogensucht von Frontmann Dave Gahan ihren (traurigen) Höhepunkt, als er sich am 28. Mai 1996 einen Kokain- und Heroin-Speedball spritzt, in Ohnmacht fällt und für zwei Minuten als klinisch tot gilt, die Rettungskräfte ihn aber wieder reanimieren können. Die darauffolgende Therapie kostet dem Sänger dermaßen viel Kraft, dass erste Studioaufnahmen und Proben für ein neues Album aufgrund Gahans desolaten Gesundheitszustandes abgebrochen werden müssen. Zu dieser Zeit ist die Band einer Trennung näher als einem neuen Album.

Nach Gahans erfolgreicher Therapie wagen Depeche Mode einen neuen Anlauf und machen sich an die Produktion des nächsten Studioalbums. Diesmal mit mehr Erfolg: Das Ergebnis heißt „Ultra“ und wird sowohl von der Kritik als auch den Fans wohlwollend aufgenommen. Mit „Ultra“ beweist die Band, dass sie auch ohne Wilder in der Lage ist, ein gelungenes Werk vorzulegen. „Exciter“ – veröffentlicht im Mai 2001 – stellt das schwierige „zweite“ Album dar. Album Nummer zwei nach Wilders Fortgang, dem Drogenkollaps von Gahan und dem musikalischen Neuanfang. Nach „Ultra“ soll es vier lange Jahre dauern, bis Depeche Mode neues Material veröffentlichen. Grund: Der Entstehungs- und Produktionsprozess des neuen Albums erweist sich als langwierig und kompliziert, vor allem Gore leidet unter fehlender Inspiration und Motivation. Das ändert sich erst, als Depeche Mode ihren alten Produzenten Gareth Jones (schon in den 80er-Jahren arbeitet die Band mit Jones zusammen) und den Producer Mark Bell mit ins Boot holen, Kopf und Gründer des elektronischen Musik-Projekts LFO. Mit „Exciter“ schaffen Depeche Mode ihr ungewöhnlichstes Werk, das in Sachen Songwriting, Sound und Produktion jedoch nicht an die großen Alben der Vergangenheit anknüpfen kann.

„Exciter“ erweist sich zunächst als wenig zugängliches, sperriges Album. Im Gegensatz zu (im Prinzip allen) früheren Alben fällt auf, dass „Exciter“ enorm viel Zeit braucht, um zu wachsen und sich zu entfalten. Wenige Melodien setzen sich gleich zu Beginn im Gehörgang fest, vielen der Songs fehlt es an echter Ohrwurm-Qualität. Gewährt man dem Album aber einige Durchläufe, stößt man auf ein durchaus interessantes da experimentelles Album, dass nicht als typisches Depeche-Mode-Album einzustufen ist. Echte „Hits“ von der Qualität eines „Enjoy the Silence“ (Violator), „Walking in my shoes (Songs of Faith in Devotion) oder „It’s no good“ (Ultra) sucht man hier ebenso vergebens wie eine klare musikalische Linie und Ausrichtung, da „Exciter“ bewusst vor allem als Genre-Mix und Hybrid aus verschiedensten Musik-Richtungen angelegt ist. Der lupenreine Pop-Song und eingängigste Titel des Albums, „Dream on“, fällt ebenso positiv auf wie die zerbrechliche, betörende Gitarren-Ballade „When the body speaks“ und das ravige, tanzbare „I feel loved“, das äußerst beat-lastig daherkommt und in seinen besten Momenten sogar an The Prodigy erinnert. Auch das minimale Elektro-Stück und dritte Single-Auskopplung „Freelove“ (in Deutschland mit Position acht sehr erfolgreich) überzeugt. Der stärkste Song des Albums ist jedoch ein anderer: das warme und schwelgerische „Shine on“, einem Zwitter aus frühem Wave und Trip-Hop-Anflügen á la Massive Attack. Gahan legt dabei derart viel Gefühl in seine Stimme wie bei keinem anderen Song auf „Exciter“.

Auf „Exciter“ überwiegen dann aber alles in allem die schwachen bzw. durchschnittlichen Momente. Und Durchschnitt ist einfach zu wenig für Depeche Mode. „When the body speaks“ macht schon vom Titel her Lust auf sinnliche Klänge, erweist sich dann aber als einfallsloser Midtempo-Song, der belanglos vor sich hindümpelt. „The dead of night“ funktioniert als fieser, rockender Elektro-Schunkler mit nettem Refrain gar nicht mal schlecht, dürfte aber eher Marylin Manson-Fans zusagen als den Anhängern von Depeche Mode. Mit den Gore-Balladen „Comatose“ und „Breathe“ verhält es sich wie mit vielen Songs auf „Exciter“: Richtig schwach ist das alles nicht, aufgrund harmloser Arrangements und einer unausgegorenen Produktion versinkt ein Großteil der Titel jedoch schnell in der Bedeutungslosigkeit. Die samtweiche Zuckerwatte-Ballade „Goodnight Lovers“ als letztes Stück ist mit seiner warmen Atmosphäre das perfekte Einschlaflied und gefällt durch seine versöhnliche Grundstimmung.

Alles in allem kann „Exciter“ nicht mit der gewohnten Qualität vorangegangner Depeche-Mode-Alben mithalten. Auf „Exciter“ präsentieren Depeche Mode lediglich nette Pop-Ware von der Stange, die einen dann doch eher unbefriedigt zurücklässt.

Anspieltipps:

  • Shine
  • Free love
  • I feel loved

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