The Chemical Brothers - Soundtrack: Wer Ist Hanna? - Cover
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The Chemical Brothers Soundtrack: Wer Ist Hanna?


  • Label: Classical/Sony Music
  • Laufzeit: 50 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Hanna (Saoirse Ronan) stapft durch einen idyllischen Winterwald in Finnland. Ausgerüstet mit Pfeil und Bogen folgt sie den Spuren eines Hirsches. Nach einiger Zeit spannt sie die Sehne, zielt auf das Tier und lässt los. Das verwundete Wild versucht sich zu retten, rennt mit letzter Kraft aus dem Wald heraus auf eine offene Fläche, wo es angesichts der Verletzung zum Stehen und letzten Endes zum Fall kommt. Hanna beugt sich über den Hirsch, entschuldigt sich mit den Worten „Ich habe dein Herz verfehlt“ und erlöst das Tier von seinem Leiden, indem sie es mit einer Schußwaffe durch einen Kopfschuß tötet. In dieser ersten Szene des Films „Wer ist Hanna?“ des britischen Regisseurs Joe Wright („Stolz und Vorurteil“, „Abbitte“) wird vor allem eins klar: Hanna ist kein gewöhnlicher Teenager, der mit dem Vater Erik (Eric Bana) ein abgeschiedenes Dasein fristet. Hanna ist vielmehr eine durch ihren Vater, einem Ex-CIA-Agent, ausgebildete Killerin, die ihre Kindheit abseits jeglicher Zivilisation, fern von Elektrizität, fließendem Wasser und anderen Menschen verbracht hat. Der Grund für diese Isolation ist eine gewisse Marissa Wiegler (Cate Blanchett), ebenfalls CIA, die nach Bekanntwerden des Standorts von Erik und Hanna sofort ein Team von Spezialisten losschickt, das die Beiden gefangen nehmen soll. Doch einiges läuft schief und die Ergreifung von Vater und Tochter erweist sich schwieriger als gedacht.

Schauplatzwechsel: Nach 20 Jahren im Musikgeschäft, sieben Studioalben und zwei Grammys haben es Tom Rowlands und Ed Simons endlich getan. Und das gleich zweimal! Mit drei Soundtrackbeiträgen zum Balletdrama „Black Swan“ von Regisseur Darren Aronofsky („Requiem For A Dream“, „The Fountain“, „The Wrestler“) und der Kollaboration mit Joe Wright für „Wer ist Hanna?“ haben The Chemical Brothers nach dem Vorbild von Trent Reznor (Nine Inch Nails) für „The Social Network“ und Daft Punk für „Tron: Legacy“ einen kompletten Film mit eigens komponierter Filmmusik geschmückt. In Anbetracht des eher mittelmäßigen „Further“ (06/2010) kann zusätzlich Entwarnung gegeben werden, denn Rowlands & Simons befreien sich selbst aus ihrem Kreativitätsloch und zimmern einen hypnotisch-treibenden Score, der besonders in Kombination mit dem Film wie die Faust aufs Auge passt. Zwar setzen gerade dort die Actionpassagen extrem stark auf das Zusammenspiel aus dröhnendem Bass und schnellen Schnitten, doch The Chemical Brothers geben sich nicht damit ab lediglich ein paar Samples und Synthesizerspuren für die jeweilige Szenerie aufeinander zu stapeln, sondern haben es geschafft den Score auch fernab von Kino und Fernseher für den Hörer greifbar und schlüssig zu machen.

Schon der Opener „Hanna´s theme“ ist eine geniale Verschmelzung aus dem typischen Sound der Chemical Brothers und der Ausgangssituation des Films: Tröstliche Glöckchenklänge, eine durch langgezogene Vokale geformte Melodie und eine zaghaft einsetzende Gitarrenriffschleife werden von einem bedrohlichen Sample und einer damit einhergehenden, dunklen Basslinie gestört, was mit dem Geschehen auf der Leinwand, dem verstörenden Aufeinandertreffen zwischen Hannas winterlicher Abgeschiedenheit und der zivilisierten Realität einer kleinen Wüstenstadt, gleichzusetzen ist. Anschließend fahren die beiden Engländer zur Höchstform auf und nehmen den Hörer auf einen packenden Trip mit, der mit oszillierenden Loops und dreckigen Beats angereichert ist, dabei aber erstaunlich songdienlich bleibt („Escape 700“). Einen ähnlichen Sog entfalten noch die Kompositionen, in denen eine der durchchoreographierten Kampfszenen dahinter steht, was vor allem am erhöhten Tempo, den aufbegehrenden Samples und den fluchtartigen Motiven hörbar, wenn nicht sogar physisch spürbar ist („Bahnhof rumble“, „Hanna vs. Marissa“, „Escape wavefold“, „Container park“).

Womit wir bei einem ganz bestimmten Thema wären: Lautstärke. Der Soundtrack zu „Wer ist Hanna?“ lebt und atmet von seiner Hi-Fi-Ästhetik. Jeder scheinbar unbedeutende Breakbeat und jede noch so kurze Bassline haben einen Sinn und ihr Gesamtbild kommt bei laut aufgedrehter Anlage oder mit Kopfhörern am Besten zum Vorschein. Hinzu zählen lärmende Konstrukte, die den Adrenalinspiegel hoch halten („Quayside synthesis“, „Special ops“), kleine, fragmentartige Stimmungsskulpturen („Marissa flashback“, „The forest“, „Isolated howl“), die sich schon mal zu einem einzigen Track vereinen („Interrogation / Lonesome subway / Grimm´s house“) oder Soundschnipsel, denen wegen ihrer flüchtigen Ader sonst keine Aufmerksamkeit zuteil werden würde. Rowlands & Simons übertreiben es mit ihrer glasklaren Präsentation zwar das eine („The devil is in the details“) oder andere („The sandman“) Mal und nerven anstatt zu begeistern, doch mit der Verwendung der kongenialen Devil-Melodie, die übrigens stets von einem von Hannas Widersachern gepfiffen wird, in dem fröhlich vor sich hin tanzenden Ohrwurm „The devil is in the beats“, sind solche geringfügigen Makel schnell wieder vergessen.

„Wer ist Hanna?“ + The Chemical Brothers = Fabelhaftes Kino für Augen und Ohren. So einfach lautet die Formel für die erste vollständige Filmmusik des britischen Duos. Wo die letzten Studioalben („Push The Button“ (01/2005) und „We Are The Night“ vom Juni 2007) auf mehrere, verwertbare Singleauskoppelungen getrimmt waren, die ein gelungenes Gesamtwerk verwehrten, und „Further“ als Gegenmodell größtenteils langweilte, ist die diesjährige Vorstellung ein künstlerischer Quantensprung sondergleichen. Tracks, die einem von der ersten Sekunde an die Daumenschrauben anlegen („Car chase (Arp worship)“) oder mit feinfühliger Note einfach zu Tränen rühren („Hanna´s theme (Vocal version)“), das will man zukünftig wieder öfter von The Chemical Brothers hören. Hanna mag im Film das Herz des Hirschen verfehlt haben, doch der Soundtrack dazu hat seine Wirkung auf keinen Fall verfehlt. Er trifft mitten ins Schwarze.

Anspieltipps:

  • Escape 700
  • Container Park
  • Bahnhof Rumble
  • Escape Wavefold
  • Hanna vs. Marissa
  • Car Chase (Arp Worship)
  • Hanna´s Theme (Vocal Version)

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