Sombre Printemps - Ambient & Film Music I & II - Cover
Große Ansicht

Sombre Printemps Ambient & Film Music I & II


  • Label: Out Of Line/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 90 Minuten
Artikel teilen:
7/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Genaugenommen ist „Ambient & Film Music I + II“ ein Re-Release. 1991 veröffentlichte Sombre Printemps, ein Projekt hinter dem Die-Form-Mastermind Phillipe Fichot, beide Alben einzeln. 2011 werden nun das erste, längst vergriffene Album, wie auch er zweite Teil, der in Sammlerkreisen viel gesucht war, im Paket der breiten Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Wieso? Zum einen feiert das Album zwanzigjähriges Jubiläum und zum anderen zeigt „Ambient & Film Music I + II“ wie viel Potenzial im Ambient steckte bzw. wie viel spätestens durch die Kommerzialisierung des Ambients verloren ging.

Die erste CD setzt den Schwerpunkt auf experimenteller elektronischer Musik mit Tendenz zur E-Musik. Diese scheint teilweise von Karl-Heinz Stockhausen beeinflusst sein. Der Deutsche hatte schon frühzeitig mit elektronisch erzeugten Klängen gespielt, sich dabei aber konsequent den gängigen Hörgewohnheiten verweigert. 1991 war Philippe Fichots Ansatz ebenso ein Angriff auf die Hörgewohnheiten. Beachtet man das Alter des Albums nicht, man könnte glauben es handelt sich um das neue Album eines beliebigen Ambient-Künstlers mit veralteten 8-bit Sounds. Das Gegenteil ist der Fall und genau das macht den Silberling zu etwas besonderem.

Während „Sombre Printemps“ auf einem düsteren Klangteppich aufbaut, der durch schnarrende Geräusche einen bedrohlichen Charakter verströmt, zeichnet sich „Chrysalid World“ durch Lebhaftigkeit und enorme Tanzbarkeit aus, in einschlägigen Discos hätte der Track auch heute noch Chancen auf die Playlist zu kommen. „Parasitic Noise Extasy” besitzt vor allem für diejenigen einen besonderen Charme, die sich an Computermusik zu Zeiten des C-64 erinnern. Chris Huelsbeck, Pionier der computerprogrammierten Musik, lugt hier an jeder Ecke hervor. Hervorzuheben ist auch „Nude with a cross”. Beginnend mit einem diabolisch-verzerrten Voice-Sampling der Bands wie Yelworc oder auch Wumpscut etc. vorwegnimmt, entspinnt sich ein entspannter Ambient-Teppich, der sich ausbreitet und den Hörer einnimmt.

Auf CD 2 wird der Soundtrack zu einem imaginären Film präsentiert. Schon die Glockenklänge und die elektronisch erzeugten Orgelmelodien zu Beginn von „Dunkler Frühling” deuten an, auf dieser CD erwartet den Hörer andere Musik als auf CD 1. Nach zirka einer Minute ändert sich der Sound aber und härtere, rhythmische Melodien übernehmen das Kommando. Es kommt dem Hörer so vor, als ob nach der Vorstellung des Protagonisten des Films nun der Antagonist die Bühne betritt. Nach der Vorstellung beider musikalischer Themen werden diese verbunden und ergeben einen sehr spannenden Track.

„Parasomniac Soundscapes” klingt nach Wolfsheim zu deren Dreaming-Apes-Zeiten. Poppig und luftig-leicht schweben die Scapes durch die Lautsprecher und erzeugen ein wohlig-warmes Gefühl. Im krassen Gegensatz dazu steht „Neurologium”. Trotz klassisch inspiriertem Unterbau, vorherrschend sind hier verzerrte harte elektronische Sounds. Sehr experimentell, gewöhnungsbedürftig, gleichsam aber sehr spannend. „Post Cerebra” vereint fast alle musikalischen Themen der zweiten CD, allerdings wurden die wohl durch den kompletten Sequenzerpark von Philippe Fichot gejagt und zerlegt, so das schließlich der Eindruck entsteht, die Boxen der Anlage sind kaputt. Dem ist natürlich nicht so. Das abschließende „Atra Bilis” mutet wie ein Requiem an, diesen Eindruck verstärken die immer wieder in das melancholische Klanggebilde eingestreuten elektronisch erzeugten Glocken. Auch hier, wie schon zuvor bei den meisten anderen Tracks dieses Silberlings werden klassische mit sehr modernen Musikideen verwoben. Hält man sich dabei die Idee des imaginären Film vor Augen, wäre dies ein kongenialer Soundtrack.

Dem Doppelalbum hört man sein Alter nicht an. Zudem ist es auch produktionstechnisch auf aktueller Höhe. Freunde von Ambient, aber auch von elektronischer E-Musik, sollten mal beide Ohren riskieren.

Anspieltipps:

  • Chrysalid World
  • Parasitic Noise Extasy
  • Unknown Forms
  • Post cerebra

Neue Kritiken im Genre „Ambient“
7/10

Migration
  • 2017    
7/10

Deepak Verbera
  • 2016    
Diskutiere über „Sombre Printemps“
comments powered by Disqus