Nicolas Jaar - Space Is Only Noise - Cover
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Nicolas Jaar Space Is Only Noise


  • Label: Circus Company/Rough Trade
  • Laufzeit: 46 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
4.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Villalobos bekommt Besuch: Nicolas Jaar hat sein Debütalbum veröffentlicht. Und was für eins. 21 Jahre zählt er inzwischen und hat sich zu Recht Zeit gelassen, nach dem Hype der letzten Jahre um seine genrerevolutionären Midtempo-House-Singles. Genau wie einer der Pioniere und Businessgrößen des Minimal schlechthin, ist Jaar Chilene, sein Vater der Documenta- und Konzeptkünstler Alfredo Jaar, dessen Lebensweise es Nicolas zu verdanken haben dürfte, dass er in New York geboren wurde. Doch schon kurz darauf kehrt seine Mutter mit ihm nach Santiago de Chile zurück, wo er bis in die Frühpubertät hinein lebt, nur um anschließend, aufgrund der elterlichen Reunion, wieder nach New York zurückzukehren.

Hier wird Jaar zum Bastler elektronischer Musik. Studiert mittlerweile vergleichende Literaturwissenschaften auf Rhode Island und hat sich mit seinen ersten Tracks sofort den plakativen Status eines Wunderkindes eingefangen. „Don’t Believe The Hype“: Nicht nur die uralt scheinende Public Enemy-Single oder Alex Turners abschließende Mikrofonbotschaft im Video zur ersten Arctic-Monkeys-Single „I Bet You Look Good On The Dance Floor“ torpedierte die jeweilige eigene Lage, auch Jaar kann dem DJ-Starrummel erfreulicherweise wenig abgewinnen und nennt einen Track seiner 2010er EP „Love You Gotta Lose Again“ als Referenz an frühere Überflieger und als Statement genauso.

Gut, glauben wir ihm nicht, dem Hype. Dennoch wird sich jeder der Jaar zuhört überzeugen können, dass dieser Jungspund in einer magischen Weise andersartige elektronische Musik zu erschaffen versteht, dass einem die Superlative ausgehen. Seine Singles für den sommerlichen Club mit Outdoor-Bereich nach Sonnenaufgang funktionieren so einnehmend gut, obwohl sie funktional komplett anders gemacht sind, dass es eine wohltuende Freude ist, dazu entspannt den Körper zu bewegen. Die Sackgasse des Minimal, seine ewig gleiche Dramaturgie mit dem sachten, bassigen Aufbau hin zu einem sukzessiven Zenit an dem eruptiv alle Songstrukturteile und Bässe auf die Meute losgelassen werden, ein Verfahren dargeboten in potentieller Endlosschleife, ignoriert Jaar einfach komplett und geht erfolgreich umgekehrt vor. Seine Musik verlangsamt sich in ausgesuchten Momenten und es sind genau diese Augenblicke der beatstrukturellen Verzögerung, die seine Tracks unwiderstehlich tanzbar werden lassen.

Ähnlich wie die verdiente Genregröße Trentemøller, der von schnellen, dunklen, Acid-/Minimal-House-Singles zu opernhaften Entwürfen der reinen Kopfkinoreisen in Albumform springt, hat sich Jaar für die Konzeption seines ersten Albums ebenfalls komplett umorientiert. Auf dem genialen „Space Is Only Noise“ ist gar nichts mehr für den Club dabei und sei er auch noch so chillig. Sein Debüt ist eines der seltenen, die Sprache verschlagenden und eine tatsächliche Einordnung weitgehend verweigernden Phänomene die dem Genre der elektronischen Musik so viel Potential zu kommen lässt. Eine Gefühlsreise: o ja. Eine elektronische Chill-Out-Belanglosigkeit: mitnichten. Jaars Album hat die seltene Macht der Einnahme, so dass man nicht einmal auf tranquilo gebürstet sein muss, um „Space Is Only Noise“ erhaben finden zu können. Der geschickte Einsatz von Samples, die manisch wirkende stete Stimmvertiefung und -verlangsamung, die Konstruierung einer Welt jenseits von Zeit mittels Bässen als nicht Vorantreiber sondern Entschleuniger („Keep Me There“, „Problems With The Sun“, „Space Is Only Noise If You Can See“, „Variations“, „I Got A Woman“) machen „Space Is only Noise“ extraordinär.

Nicolas Jaar schafft das, was ein Jahr zuvor Caribou am Ende des Winters meisterte: zu zeigen das elektronische Musik unter einer geschäftsmäßigen, zunehmend langweiligeren Oberfläche nach wie vor Unglaubliches leisten kann.

Anspieltipps:

  • Keep Me There
  • Problems With The Sun
  • Space Is Only Noise If You Can See
  • Variations
  • I Got A Woman

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