Planningtorock - W - Cover
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Planningtorock W


  • Label: Cooperative/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 50 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

„W“ ist ein Electro-Irgendwas, voller Ein-Ton-Samples, heruntergepitchten Stimmlagen, wabernden Bässen und Streicher-Pizzikati.

Die Wahlberlinerin Janine „Planningtorock“ Rostron zeigt mit ihrem Zweitwerk „W“ das sich Kunstkonzeptionen und aktuelle Produktionsmethoden elektronischer Musik durchaus vertragen. „W“ ist ein Electro-Irgendwas, voller Ein-Ton-Samples, heruntergepitchten Stimmlagen, wabernden Bässen und Streicher-Pizzikati. Vor allem jedoch ist es eine gelungene, schwer fass- und beschreibbare Platte zwischen Avantgarde und Electro-Pop, deren Magie sich erst nach intensiverer Auseinandersetzung erschließt.

Rostron stammt aus dem nordenglischen Bolton, unweit von Manchester, und siedelte nach dem Studium der „Video Art“ and der Kunstakademie Sheffields nach Berlin über, wo sie seit zehn Jahren lebt und am Kottbusser Tor ein Hinterhoftonstudio ihr Eigen nennt, in dem auch Olov Dreijer von The Knife und Peaches arbeiten. Nach ihrem kreischigen, überladenen und Szeneaufsehen erregenden Debüt „Have It All“, 2006, wirkte sie an der Darwin-Oper „Tomorrow, In A Year“ von The Knife mit, zu denen sie offensichtlich mehr als einen Draht pflegt, schrieb Theatermusik für Bruce LaBruce und entwickelte 2009 eine Auftragsshow beim Donaufestival.

„W“ nun kommt nicht nur stimmlich düsterer daher. Die Konzeptkünstlerin, die mit Masken und Gesichtsimplantaten (zurzeit: die Nase) Ich-Erweiterung vornimmt, entwirft hier eine unbekannt-gespenstische Welt mit wenig Strophe-Refrain-Mustern und somit Gewohnheitshaltepunkten. Das Konzept wird von der Allround-Künstlerin Rostron in allen Facetten durchdekliniert. Sichtbar erscheint sie nur als ein geschlechtlich undefinierbares Wesen, im Gesicht entstellt und vom Bühnenverhalten her androgyn. Selbst der Titel verkleidet sich mehrdeutig konzeptionell: „W“ englisch ausgesprochen, steht für „double you“, also verdopple dich, was sie nicht Müde wird optisch und musikalisch zu untermauern, in Videos, im Live-Auftritt und nicht zuletzt in der Musik.

Zwingende Momente trotz so viel künstlerischen Vorbaus kennt „W“ indes zuhauf. „The One“ beherbergt Saxophon-Einsatz der erfreulich unverkitschten Sorte, gebündelt mit Streicherwänden und perkussiven Beckenbeben. Männlich intoniert sie ihre Stimme in „Manifesto“, mit gebrochenen, quasi Hip Hop-lastigen Beats. Die Höhepunkte der Platte „I Am Your Man“ und „Living It Out“ stampfen sich in den Gehörgang mit ungewöhnlicher, aber zwingender Melodiestruktur, in der zunächst unbeschwert verliebt „I don’t need a microfon to tell you what I’m really feeling for you“ ertönt und einen call-and-response-Dialog mit ihrer eigenen zum Chor getuneden Stimme hippiesken Spaß erbringt, nur um im treibenden, pulsierenden zweiten Albumhöhepunkt echte Aerobic-Rhythmik nur selten so mit-mach-zwingend daherkam: „Living it up, living it down, living it in, I’m living it out“, den ganzen Song lang – und jetzt alle.

Zuviel Konzeptkunst versauert ja oftmals den zu produzierenden Teig, wie die zu vielen Köche um den Brei, Janine „Planningtorock“ Rostron indes hat die Mischung gefunden und avantgardeske Kunstkonzeptionen und populäre elektronische Musikkultur gewinnbringend miteinander verbunden.

Anspieltipps:

  • Living It Out
  • I Am Your Man
  • The One
  • Manifesto
  • 9

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