EMA - Past Life Martyred Saints - Cover
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EMA Past Life Martyred Saints


  • Label: Souterrain Transmissions/Rough Trade
  • Laufzeit: 38 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Die zukunftspessimistische Mentalität des Grunge in verstörend schöner Manier.

Wow. Einfach wow. Kurt Cobains zur Schau gestellte Implikation des Selbsthasses in der Rockmusik ist, blickt man auf enge Röhrenhosen, Mando Diao und allgemeinen Indie-Rock-Habitus heutiger Couleur, toter als tot. Umso erstaunlicher wie überzeugend Erika M. Anderson mit ihrem Solodebüt, nicht im Sound, sondern in Wirkungsweise, die zukunftspessimistische Mentalität des Grunge in verstörend schöner Manier zu beleben weiß.

Anderson ist dabei kein gänzlich unbeschriebenes, in Kalifornien beheimatetes Blatt. Mit dem kurzlebigen Duo Gowns brachte sie uns bereits absurden Folk-Krach der aufhorchen ließ, mit „Past Life Martyred Saints“ wird ihr musikalischer Entwurf aber ungleich erweitert. Riot-Grrrl-Attitüde trifft suizidalen Grunge, Folk-Intimitäten verwelken in Noise-Dekonstruktionen. EMA legt ein beeindruckend ehrliches, intimes und weitgefächertes Album vor, das schmerzt und glücklich macht zugleich. Zarte Akustik-Akkorde stoßen unsanft immer wieder auf einzelne ausgedehnte Fuzz-Töne aus der Krach-Schule und korrelieren so zu EMAs unverwechselbar vielseitigem Sound. Auf der einen Seite ist ihr Debüt leise, auf der anderen tierisch laut. „Breakfast“ und „Butterfly Knife“ sind entschleunigte Songs, zehren aber von einer kompositorischen Gefühlsdichte, die sie intensiv und fast schon hart werden lassen. „I wish that every time he touched me left a mark“ resümiert sie in „Marked“ gescheiterte Liebe in einer Dringlichkeit, die Gänsehaut kreiert, während Stimme, Gitarre und später Keypoard-Orgel derart in Hall-Wände versinken, dass man sich in einer Höhle wähnt.

Mehrstimmiges a cappella schließt in „Coda“ derweil eine sprachlos machende erste Hälfte ab. Da ist zunächst der Einstieg namens „The Grey Ship“, ein 7-minütiges Gefühlskonvolut mit Folk-Beginn, dass in ein elegisches Finale mündet: „My great-great-grandmother lived on a prairie/Nothing and nothing and nothing and nothing/I got the same feeling inside of me/Nothing, nothing, nothing, nothing”. Weiter geht es mit dem trotzig vorgetragenen Zynismus „Fuck California, you made me boring” in „California“ und seiner teils gesprochenen, teils gesungen Lebensbeichte: „I’m just 22, but I don’t mind dying“. Rockig und treibend gebiert sich nach so viel Schwere dann „Milkman“, wo sie treffend konnotiert „I am disparate“. Vielseitig aber stimmig.

EMA erzählt viel von sich und ihren Leiden. Natürlich birgt das auch immer die Gefahr des prätentiösen Selbstmitleids. Aber sie hat die der Popmusik ureigene Fähigkeit sich zu Eigen gemacht, ihre Musik und ihre Aussagen in einem beeindruckenden Gleichschritt auf die Welt zu lassen und damit Emphase, Vergleichbarkeit und im gewissen Sinne Allgemeingültigkeit herzustellen. Nein, ihr Leid ist nicht das schlimmste auf der Welt. Das Schlimme ist, wir alle kennen es und es passiert immer wieder überall auf ihr. Und dem einen adäquaten Ausdruck zu verleihen kann so viel mehr Wert sein als irgendwelche Röhrenhosen und Rock-Klischees. „Past Life Martyred Saints“ der 28-jährigen Erika M. Anderson aus South Dakota ist ein großes Gefühlskinostück selbsttherapeutischer Lebensbewältigung. Ob sie gelingt, die Bewältigung, bleibt, wie bei jeglichem Pessimismus, ein Kampf.

Anspieltipps:

  • Marked
  • The Grey Ship
  • Milkman
  • California
  • Anteroom
  • Ship Of Fools

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