WU LYF - Go Tell Fire To The Mountain - Cover
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WU LYF Go Tell Fire To The Mountain


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 47 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Mysteriöse, auf Häuserwände in Manchester gesprühte Botschaften, die bei Nachforschung auf eine nicht minder sybillinische Website stoßen ließen – so fing er an der aktuellste große Hype im Independent-Bereich.

Ein novelliertes Kruzifix als Bandlogo, krude, philosophisch angehauchte Botschaften, ein Lockangebot für 17 Euro Mitgliedschaft in der „World Unite Lucifer Youth Foundation“ zu erlangen. Mehr war nicht zu finden auf jener Website. Wer es wagte zu zahlen, bekam eine EP von WU LYF, Geheimbotschaften, wann die Band im Großraum Manchester das nächste Mal unter Pseudonym zu spielen gedachte und Mitgliedschaftsdevotionalien, wie weiße, zur Gesichtsverhüllung bestens geeignete, kleine Stoffflaggen. Die EP sprach sich herum, aufgrund der auf ihr befindlichen Musik. Schnell wollten so gut wie alle britischen Labels WU LYF unter Vertrag nehmen, ohne zu wissen, mit wem oder gar wie vielen sie es zu tun hatten. Und erst die Interviewanfragen. Eine neue Band ohne Label, neue gute Musik, die sich einfach den Mechanismen heute selbstverständlicher permanenter Öffentlichkeit entzog: die Insel stand medial Kopf; der NME war dem Herzinfarkt nahe, bekam das führende britische Pop-Musik-Magazin einfach keine Exklusivinformationen, -Songs, -Interviews. Wann hatte es das schon gegeben?

Ein Jahr verging und nun ist es da: das Debut der World Unite Lucifer Youth Foundation, akronymisiert WU LYF, mit dem sturm-und-drängerischen Titel „Go Tell Fire To The Mountain“. Um es kurz zu machen: es ist eines der besten und spannendsten Alben des Jahres geworden, irgendwo zwischen Post-Rock, Indie und ihrer Selbstcharakterisierung Heavy Pop, am ehesten einordbar zwischen Yeasayer und Future Islands. Gewiss, die Musik ist beeindruckend, doch auch die gelungene Inszenierung der Verweigerung fließt in alle Urteilsbetrachtungen über WU LYF mit ein, Musikjournalisten, die die Darbietung „irgendwie doof“ fanden und eine Haltung der Skepsis gegenüber WU LYF einnahmen genauso, wie von den scheibchenweisen Lockungen Interessierte. WU LYF wollten mehr als eine Band sind.

Inzwischen sind WU LYF eine ganz normale Band geworden, vier blutjunge Mitglieder mit charismatischem Sänger und einer plausiblen Geschichte zu ihrem Hype, die, seit Album-Release, sogar Interviews geben (nur nicht in England), aber eben eine, die vieles anders macht und die es geschafft hat sich derart selbstständig, also medienunabhängig zu inszenieren, dass Fragen aufkommen. Ein Manager, lautet die Antwort. An dieser Stelle wird die Parallele zu The Strokes und Gordon Raphael, der sie erst zu dem inszeniert hat, was dann auch bald alle in ihnen sahen, unübersehbar. Was den Strokes Raphael für den steilen Aufstieg war, ist Warren Bramley WU LYF. Ein Konzeptionalist ist Bramley, der beim Factory-Label, dass Kunst und Musik schon immer zu mischen versucht hat, arbeitete und eine eigene Werbeagentur in England besitzt. Sein künstlerisches Konzept, mit seltsamer Website, Geheimkonzerten und medialer Verweigerung und die Bedürfnisse der Bandprotagonisten gingen auf: WU LYF wollten keine überflüssigen Informationen über sich, ihre Facebook-Seiten und ihre Ex-Freundinnen in die Welt gesetzt wissen bevor sie nicht ein erstes Album vollbracht haben. First the music, then the gossip.

In einer leerstehenden Kirche, wie auch PJ Harvey dieses Jahr, nahmen WU LYF ihr Album auf und erlangten so den überbordenen Hall auf „Go Tell Fire To The Mountain“ gänzlich ohne Studiotricks. Ellery Roberts sich heiser schreiende Stimme ist, wie bei Future Islands, sicherlich das unverkennbare Markenzeichen dieser Band, doch bewirken die verträumten Melodien („Cave Song“), opulenten Spannungsbögen („Summas Bliss“) und radikalen Slogans („Dirt“) ihr Übriges, um im wahrsten Sinne des Wortes eine magische Stimmung auf „Go Tell Fire To The Mountain“ entstehen zu lassen. Die hochemotionalen Chöre („We Bros“, „Spitting Blood“ u.a.), bei denen der ganze LYF-Clan mitzugrölen scheint, helfen eine durchaus sakrale Ästhetik mitzuverstärken. Bass, Gitarre, Schlagzeug, Stimme, Keyboard und ganz viel Hall, mehr brauchen WU LYF nicht um eine Emotionalität zu erzeugen, die das Herz ergreift.

„No matter what they say/Dollar is not your friend“ („Dirt”). Einzig der Jugend vermag man solche Slogans unreflektiert abzunehmen. Ihr bleibt eine Macht beschieden, die, ganz wie das Debut von WU LYF, mystisch ist. Wir haben Feuer gefangen.

Anspieltipps:

  • Dirt
  • We Bros
  • Spitting Blood
  • Cave Song
  • Summas Bliss
  • Heavy Pop

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