Steven Wilson - Grace For Drowning - Cover
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Steven Wilson Grace For Drowning


  • Label: KScope/EDEL
  • Laufzeit: 83 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
7.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Steven Wilson hat sich für sein zweites Soloalbum mehr Zeit gelassen als für jedes andere seiner vielen Projekte zuletzt. Blackfield hat er zum Beispiel völlig seinem Bandpartner Aviv Geffen überlassen, der so gut wie alles für Welcome To My DNA selbst geschrieben hat. In der Zwischenzeit war Steven mit der Abmischung der ersten King Crimson-Scheiben für das 40-jährige Jubiläum beschäftigt, an denen er zusammen mit Robert Fripp gesessen hat. Dieses Remastering hatte einen großen Einfluss auf ihn, weil es ihn auf einen wichtigen Umstand aufmerksam gemacht hat. Jazz ist das Element, welches dem Prog-Rock im Laufe der Jahre abhanden gekommen ist. An dessen Stelle ist vor allem Metal getreten, was Steven auch selbst bei seiner Hauptband Porcupine Tree auf den letzten Alben sehr gerne eingesetzt hat. Bei King Crimson waren es in den 70er Jahren Jazzmusiker, die sich dazu entschieden haben Rock zu spielen. Das ist der wichtigste Ansatzpunkt für „Grace For Drowning“.

Überflüssig zu erzählen, dass dies keine einladende, fröhliche Musik zum nebenbei hören ist, aber sehr wohl faszinierend und fesselnd zugleich. Da der barfüßige Workaholic keine überlangen Alben mag bei denen das Konzentrationsvermögen der meisten Hörer schlicht überfordert wird, hat er die 83 Minuten Musik auf zwei CDs in LP-Länge unterteilt, zwei einzelne Alben, die auch ihre eigenen Untertitel bekommen haben und nicht direkt hintereinander konsumiert werden müssen. Beide Alben haben also ihren eigenen Song- und Spannungsaufbau, aber auch gewisse Parallelen, sie werden durch ruhige, minimalistische Stücke eingeläutet, aber sehr gegensätzlich abgeschlossen. Übrigens ist das Werk vorbildlich abgemischt, kaum Kompression mit möglichst viel natürlicher Dynamik. Klar, die Lautstärke muss im Vergleich zu vielen aktuellen Alben ein wenig mehr aufgedreht werden, aber hey, wozu gibt es den Lautstärkeregler.

Ohne jetzt zu viel um den heißen Brei zu reden, „Grace For Drowning“ ist das ambitionierteste und interessanteste Album von Herrn Wilson seit langer Zeit. Er versteht es meisterlich mit Stimmungen umzugehen um beim Hörer bestimme Empfindungen auszulösen. Das erste Album entzieht sich noch einer einheitlichen Atmosphäre, es ist sehr vielfältig und bietet einige Analogien zu Wilsons Bands wie das durch seine raue Ader den aktuellen Porcupine Tree am ähnlichsten stehende „No Part Of Me“ oder „Postcard“, das eine schönere Ballade mit Streichbegleitung ist als die meisten Tracks auf der letzten Blackfield-Scheibe. Aber die fragile Schönheit von „Deform To Form A Star“ ist kaum zu überbieten, etwas was der Engländer besonders gut kann und seit „Stupid Dream“ bei Porcupine Tree nicht mehr in der Form hervorgebracht hat. Am Piano sitzt bei diesem Stück übrigens Jordan Rudess (Dream Theater). Zu sagen auf „Grace For Drowning“ würden einige Gastmusiker mitmachen wäre eine ziemliche Untertreibung, denn das ist bei weitem nicht der einzige bekannte Name.

Zum Ende der ersten CD werden wir auf die deutlich dunklere, fast schon Angst einflößende Stimmung des zweiten Albums eingestimmt. „Remainder The Black Dog“ zeigt unter Mithilfe von Steve Hackett nicht als einziger Song wie Dissonanzen und Konsonanzen einen gemeinsamen unwiderstehlichen Tanz vollführen können. Wow, so viele Eindrücke, dabei ist gerade erst die erste CD vorbei. Auf der zweiten erfolgt die Einführung einer Filmmusik sehr ähnlich, bevor ein stark elektronisches Stück das Ruder übernimmt und eine sensationelle Entwicklung durchmacht. Was dann folgt ist einfach genial, „Track One“ fängt akustisch unschuldig an, explodiert wie ein paranoider Geistesgestörter um dann doch emotional versöhnlich mit Gitarrensolo auszuklingen. Das Beste daran ist, es ist „nur“ ein kleiner Vorgeschmack auf den folgenden Übersong.

Das 23-minütige Ungetüm namens „Raider II“ kommt direkt aus Draculas Gruft, voller Düsternis wechselt es ständig sein Erscheinungsbild. Schon der zu Beginn durch Pausen inszenierte Spannungsaufbau, die Pausen fühlen sich regelrecht unendlich an, zeigt, dass hier alles exakt durchdacht ist obwohl es sich so frei und improvisiert anfühlt. Zwischenzeitlich wird der Song mit Piano und Flöte aufgehellt, bevor einige Instrumente wie das Saxophon völlig freien Lauf bekommen, dazwischen kommen immer wieder sakral klingende Chöre vor. Dies alles mäandert hin und her und ergibt ein sehr jazzlastiges Meisterstück wie es King Crimson nicht hätten besser machen können. Einzig das versöhnliche Ende des Albums mit „Like Dust I Have Cleared From My Eye“ wäre nicht wirklich nötig gewesen. Allgemein ist aber das zweite Album stimmiger als das erste.

Schon immer hat Steven behauptet, er gehöre eher in die 70er Jahre, mit „Grace For Drowning“ hat er das Kunststück vollbracht seine musikalischen Mittel so einzusetzen, dass das Album den Geist der 70er beinhaltet ohne wirklich alt zu wirken. Moderne und alte Stilmittel verbinden sich zu einer freien, ungebundenen und zeitlosen Musikform. Das Album steht damit in einer Reihe mit dem neuen Album von Opeth, welches auch als Soloalbum von Mikael Akerfeldt hätte erscheinen können und wird nächstes Jahr durch das Album von Storm Corrosion, der Zusammenarbeit beider Künstler fortgesetzt. Nun dürften alle gespannt sein welche Auswirkungen all das auf das nächste Werk von Porcupine Tree haben wird, denn das wird es mit Sicherheit, nach drei Alben mit einer ähnlichen Ausrichtung ist es allerhöchste Zeit für etwas Neues.

Anspieltipps:

  • Track One
  • Raider II
  • Deform To Form A Star
  • Remainder The Black Dog

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