Pearl Jam - PJ Twenty - Cover
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Pearl Jam PJ Twenty


  • Label: Epic/Sony Music
  • Laufzeit: 128 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Wer die Geschichte der Band kennt, der weiß: nicht immer war zu erwarten, dass sie so lange überlebt.

Das Jahr 2011 ist ein gutes Jahr für alle Pearl Jam-Fans. Nach dem Live Album „Live on Ten Legs“ und dem Deluxe-Doppel-Reissue von „Vs“ und „Vitalogy“ gibt es nun das Doppelalbum „Twenty“ als vorläufigen Höhepunkt des zwanzigjährigen Bandjubiläums. Dieses gipfelt in einer von Cameron Crowe verantworteten Dokumentation, die im Oktober als DVD veröffentlicht wird und zu der „Twenty“ der begleitende und sehr liebevoll aufgemachte und konzipierte Soundtrack ist. Cameron Crowe selbst hat es sich nicht nehmen lassen, im Booklet jeden einzelnen Song zu kommentieren und die jeweilige Auswahl zu begründen. Allein diese Lektüre ist schon lohnenswert.

Pearl Jam verkneifen es sich mit „Twenty“ glücklicherweise, ihr Jubiläum zum Anlass zu nehmen, um nach dem 2004er Doppel-Best-Of „Rearviewmirror“ eine weitere quasi Best-Of abzuliefern und die Kuh kräftig zu melken. Stattdessen gibt es eine Ansammlung von raren bzw. bisher unveröffentlichten Liveaufnahmen, Instrumentals und Demos von 1990 bis 2010. Braucht man das alles denn überhaupt? Wer Pearl Jam nur wegen einiger Nummern mag oder möglicherweise gerade erst entdeckt, der kommt auch gut ohne „Twenty“ aus. Für eingefleischte Fans – und davon hat die Band ja immer noch eine ganze Reihe – ist das Doppelalbum jedoch ein Fest, das aber andere Höhrgewohnheiten und ein gewisses Vorwissen einfordert, als etwa der Genuss eines Studioalbums oder eines Best-Of-Albums.

So sind die Aufnahmen des 1990 noch unter dem Namen „Mookie Blaylock“ gespielten „Alive“, der Hamburger Auftritt von „Why Go“, oder auch das Temple-Of-The-Dog–Demo „Say Hello 2 Heaven“ in den vorliegenden Aufnahmen für sich genommen nicht unbedingt ein Genuss, doch machen im Zusammenhang des gesamten Albums durchaus Sinn. So begleitet der Hörer eine hungrige Band in ihren Anfangstagen, in denen sie noch auf der Suche nach ihrem Sound ist. Auch Phasen extremer Wut, wie Sie die Mitschnitte von „Blood“ oder auch „Not For You“ nahezu greifbar machen, werden nicht ausgespart, und schließlich hört man bei „Just Breathe“ oder dem Mother-Love-Bone–Cover „Crown Of Thorns“ eine Band, die mit sich selbst im Reinen ist und ein Stück weit angekommen ist.

Durchaus spannend ist auch, mitzuerleben, wie Songs der Band entstehen. So kann man Vedder und Gossard bei einer Akustik-Jam-Session aus den Anfangstagen lauschen („Acoustic # 1“), oder Drummer Matt Cameron, wie er mit „Need To Know“ ein selbstgemachtes und besungenes Demo zweifelhafter Soundqualität beisteuert, das jedoch das Grundgerüst für den jüngsten Hit „The Fixer“ darstellt. Des Weiteren ist ein Demo des von Bassist Jeff Ament geschriebenen – und in dieser Version auch gesungenen – „Nothing As It Seems“ zu hören, direkt gefolgt von einer finalen Version des Songs mit kompletter Mannschaft inkl. Vedder am Mikro. Nicht wirklich wichtig, aber zumindest in gewisser Weise unterhaltsam ist auch das angespielte Alice in Chains-Cover „It Ain’t Like That“. Die Gitarreros Gossard und McCready können also auch richtig heavy spielen. Ausnahmesänger Vedder hält sich jedoch zurück und versucht gar nicht erst, Ausnahmesänger Staley zu imitieren. Wäre wohl auch nicht gut gegangen…

Fans können so erstaunlich tief in den Bandkosmos von Pearl Jam eintauchen und die Bandgeschichte der letzten zwei Jahrzehnte im Zeitraffer nachverfolgen. Vom kleinen Auftritt in der Schweiz, bei dem bei „Garden“ zwar die Begeisterung des Publikums im Jahr 1992 schon deutlich zu spüren ist, man aber die Unterhaltungen der Fans und das Klimpern der Gläser noch hört, bis hin zum ergreifenden Massenchor der Fans bei der Performance von „Indifference“ im italienischen Bologna im Jahr 2006. Sehr unwahrscheinlich, dass der Hörer hier keinen massiven Gänsehautbefall bekommt.

Wer die Geschichte der Band kennt, der weiß: nicht immer war zu erwarten, dass sie so lange überlebt. Unter den heutigen Vorzeichen, spricht aber alles für ein weiteres Jubiläum der Ausnahmeband in 10 Jahren. Man darf gespannt sein, was Gossard, Ament, Cameron, McCready und Vedder sich bis dahin als Schmankerl überlegen.

Anspieltipps:

  • Not For You
  • Crown Of Thorns
  • Indifference
  • Better Man
  • Faithful
  • Rearviewmirror
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