Björk - Biophilia - Cover
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Björk Biophilia


  • Label: Polydor/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 49 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Geld und Macht, damit hat Björk augenscheinlich in etwa soviel zu tun wie Gregor Gysi mit dem Wu-Tang Clan, wie schon Fischmob zu vergleichen wussten. Und doch ist ihr überambitioniertes multimediales Kunstwerk „Biophilia“ am sämtliche Lebensbereiche durchdringenden Konsumprodukt näher dran, als am guten alten Kunstwerk, dessen Durchdringungscharakter allein auf metaphysischer Ebene sich abzuspielen pflegt. Hierum und um einen Konzern, der ohnehin zur Zeit in aller Munde ist und die Lebenswirklichkeit der westlichen Gesellschaften mehr und mehr zu determinieren scheint, Apple, dreht sich alle Betrachtung von „Biophilia“, wie man gestehen muss: leider, und weniger um die Musik an sich. Denn an der musikalisch-qualitativen Bedeutsamkeit gibt es wie immer im Grunde nichts zu meckern.

Doch der Reihe nach: „Biophilia“, Studioalbum Nummer Acht von der in Reykjavík geborenen und aufgewachsenen Björk Guðmundsdóttir, ist ein multimediales Konsumprodukt. Das erste „App-Album“ der Welt, ein Stück Medienrevolution, wie Begeisterte sich entgleisen, über das die Netzgemeinde seit Wochen newsworthiness verbreitet, und dass Apple-User schon exklusiv seit Ende-Juli nutzen, nein, erfahren dürfen. „Biophilia“, die von Björk gepriesene Liebe zur Natur in all ihren Facetten, kennt zu jedem der zehn Songs darauf zugeschnittene Apps, die, überspitzt gesagt, eine quasi-transzendentale Erweiterung und Komplementierung des Hörgenusses darstellen sollen. Pro Song App-Games für die Kids in uns, App-Videos für den Sehgenuss, mit freilich wieder großartigen kurzfilmischen Umsetzungen Björks Musikideen von gefeierten Video-Künstlern wie Michel Gondry, Apps, die die klassische Notation preisgeben, für den studierten Musiktheoretiker in uns, Apps die den Song verschriftlichen, ihn also Literalität verleihen sollen, Apps, die die synästhetische Visualisierung auf neue Höhen treiben: man kann jetzt Songs wie „Moon“ oder „Virus“ spielerisch dirigieren, in dem man animierte Mondphasen durchklickt oder Viren mit irgendwas beballert, und somit in eine neue Richtung lenken, sprich das Klangbild ändern, und muss nicht mehr digitale DJ-Programme kennen um Björk-Songs etwa herunter- oder hinaufzupitchen. Warum man das überhaupt soll, der Frage gehen wir besser nicht auch noch nach. Kein Bereich, der nicht einem potentiellen Konsumentencharakter vom Reißbrett zugedacht wäre. Apples allumfassender Anspruch der Konsumentenbefriedigung zur Gewinnmaximierung dringt endgültig in den guten alten Hörgenuss ein.

Auf einmal geht es bei Björk um eine Konzeption, die der erschöpften Musikindustrie aus ihrer wirtschaftlichen Sackgasse verhelfen soll, mittels der Apple’schen Wundermaschinen um eine Kundenbindung, die alle Beteiligten wirtschaftlich und perspektivisch gewinnen lässt. Kundenbindung, die Antwort Amazons, Facebooks und Zalandos auf unseren Individualisierungs- und damit Anonymisierungsgrad, jetzt auch bei einem Björk-Album vorzufinden ist mehr als irritierend, individualisierte Werbung in unseren digitalen Postfächern und auf den üblichen Seiten, die wir besurfen, weil sich irgendwer merkt, was wir online kaufen, reicht nicht mehr, nun werden ertragsbegrenzte Kulturgüter wie Musikalben an Bedingungen des Mehrkonsums geknüpft. Hör es dir an, aber wenn du cool oder anders als deine Eltern sein willst, dann kaufe noch diese und jene Palette an digitalen Mehrprodukten dazu und sehe es, spüre es, spiel damit rum, studiere es, versaue es, enteigne es von seinem ursprünglichen Anspruch ein Stück individuelles Kulturgut zu sein, dass eine individuelle und auch vergängliche Wirkung auf seine Rezipienten hat. Apple sei dank.

Sie wollte doch nur neue Wege gehen. Auf Island eine Musikschule für Kinder befreit von allen didaktischen Konventionen eröffnen, mit Touchscreens, Erlebnisräumen und Musikerlernung ohne Noten und dem ganzen Theoriekram. Das mit der Schule ließ sich bis auf weiteres nicht finanzieren (warum wohl?). Dank Apple, das mit dem Album schon.

Nun ist ihr Album heißer Nerd-Scheiß, voll das Zukunftsding und wird von manchen Meinungsmedien gar als revolutionär gefeiert. Musik als Äußerung menschlicher Kultur hat etwas stupend Einfaches und ökonomisch Unlukratives: ein Mensch, der die Saite einer Gitarre anschlägt wird, weil der Hohlraum der Gitarre einen Ton erzeugt, zu einem Medium und jeder Mensch der dies Hören kann ein Rezipient. Nun steht zwischen Medium und Rezipient ein freundlicher kleiner Mittler, der reicher und reicher, und damit mächtiger und mächtiger wird. Nein, nicht die böse Plattenfirma, die macht nur das Hören-können unter Gewinnabschätzungen möglich. Es ist Steve Jobs ursprünglich kleine Self-Made-Firma, die den Mittelpunkt des Kulturguts namens Björks achtes Studioalbum ausmacht und das ist ein Unding. Nicht weil multimediale Erweiterungen per se etwas Schlechtes wären, sondern weil diese Erweiterung an eine kapitalistische Grundbedingung geknüpft wird. Das ist toll und das kriegst du nur bei uns. Kundenbindung. Geld und Macht. Und jeder der sich Apple-Produkte nicht leisten kann oder will darf nicht mitspielen. Und alles nur, weil Björk neue künstlerische Produktionswege gehen wollte. Man wird das Gefühl nicht los, dass da ein kleiner Zauberlehrling Geister gerufen hat, von denen er keine Ahnung hat.

„Biophilia“ ohne Apps betrachtet (was man nicht soll) fällt zarter aus als der vielerlei elektronische Register ziehende Vorgänger „Volta“ von 2007. Nur gegen Ende, auf „Sacrifice“ und „Mutual Core“, drücken dröhnende Computer-Beats mächtig und walzend in den Gehörgang. Doch es überwiegen die Elemente seltsamer, seltener oder gleich neu erfundener Zupfinstrumente, die spartanisch Klangwelten erkunden, die sich jenseits der üblichen Pop-Song-Strukturierung bewegen. Das Nebeneinander von Syntheziser, digitalen Streichern, jeder Menge lustiger Orrf-Instrumente, Björks enigmatischen Gesang und Chören: die Mittel Björk’scher Pop-Song-Verfremdung sind mittlerweile wohlbekannt. Dennoch erwächst hieraus kein Nachteil beim Genuss von „Biophilia“. Organische, naturnahe Stücke wie „Virus“ oder „Crystalline“ und digitale Computer-Experimente wie „Thunderbolt“ ergeben eine spannende Mischung aus Björk-bewerten Abnormalitäten. Der ganz große Wurf mag es nicht sein, im wahrsten Sinne des Wortes erstaunlich bleibt ihre Kunst allemal. Erdrückend relevanter indes, das früher so harmlose Drumherum.

Anspieltipps:

  • Thunderbolt
  • Virus
  • Sacrifice

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