23 - 23 - Cover
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23 23


  • Label: Columbia/Sony Music
  • Laufzeit: 73 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Wenn nichts mehr geht, weil scheinbar alles schon einmal dagewesen ist, müssen wahrlich außergewöhnliche Ideen her, um noch einen Hund hinter dem Ofen herzulocken. So eiert zum Beispiel der deutsche Rap seit geraumer Zeit ziellos vor sich hin und produziert nur noch sehr selten Ausnahmeerscheinungen wie Casper (29) oder den erfahrenen Altmeister Samy Deluxe (35). Kommerziell wirklich relevante Rapper finden sind mittlerweile höchsten noch eine Handvoll, da aus dem dringend notwendigen Gesundschrumpfen nach dem Hype lediglich ein stetiges Schrumpfen übriggeblieben ist.

Zwei alte Rap-Recken beweisen nun, wie Promotion funktioniert und ein ganzes Genre in Aufruhr versetzt wird. Denn als Mitte August verkündet wurde, dass die lange verfeindeten, ehemaligen Aggro-Berlin-Kollegen Sido und Bushido auf einem Album gemeinsame Sache machen würden, war die Sensation perfekt! Darüber musste sogar die Bild-Zeitung inkl. Paparazzi-Fotos berichten. Die Meldung steckte auch die quasi zeitgleich erschienene Überraschungskollaboration zwischen Jay-Z und Kanye West („Watch The Throne“, 08/2011) in die Tasche. Deutschland einig Rap-Land. Da geht was!

Zwei Monate Promo-Vorlauf gönnte sich das Duo, das unter dem Namen „23“ in Erscheinung tritt, ehe es ihr Machwerk käuflich zur Verfügung stellte und um damit die bohrende Frage zu beantworten, ob die Herren tatsächlich zusammen gearbeitet haben oder lediglich einen gemeinsamen Tonträger für ihre Solotracks genutzt haben.

Nach einem dramatischen Intro ergreift Bushido als erster das Mic und gibt die Marschroute für die kommenden 73 Minuten vor: Die Berliner Rapper haben ihren Streit beendet („alles ist vergeben und vergessen“) und stellen fest, dass sie die einzigen Big Player („Gold-Rapper“) der deutschen Rapszene sind, vor denen sich eben jene in Acht zu nehmen hat. So werden erst einmal die Claims abgesteckt, bis „all die Wichser verstanden haben“. Denn weil sowieso laufend Rapper „ins Gras beißen“, müssen Sido und Bushido das Genre retten („Und schon wieder“, „So mach ich es“, „Engel links, Teufel rechts“). Und was wäre dazu geeigneter, als eine Hitsingle?

Hier bedienen sich 23 einem Stilmittel, das in Rap-Deutschland immer mehr um sich greift, zumindest unter den Künstlern, die es sich leisten können. Denn anstatt schnöde Samples zu verwenden, wird zu Duett-Zwecken kurzerhand der Originalprotagonist verpflichtet und damit ganz nebenbei ein bisschen Crossover-Öffentlichkeitsarbeit geleistet. So sang Sido im vergangenen Jahr „unplugged“ mit Stephan Remmler „Da, da, da“, Bushido schnappte sich ebenfalls 2010 Schlagerstar Karel Gott („Für immer jung“) und Eko Fresh holte sich jüngst Nino de Angelo ins Studio, um gemeinsam dessen einzigen großen Hit „Jenseits von Eden“ neu zu interpretieren.

Grenzwertig? Sicher! Aber dieses Abdriften in die Schlager- und Popwelt wird durch die zweifellos eingängigen Melodien, die diese Duette bieten, gerechtfertigt. Schließlich heiligt der Zweck alle Mittel. Besonders in der Musik. Und so holten sich Sido und Bushido keinen Geringeren als Peter Maffay (62) ins Studio, der mit ihnen seinen Tabaluga-Hit „Nessaja“ neu interpretierte. „Erwachsen sein“ erfüllt alle Ansprüche an eine Radiosingle und fällt entsprechend aus dem Rahmen. Dass gleich im Anschluss eine weitere Kollaboration mit J-Luv folgt („Bring mich heim“), ist allerdings nicht gerade förderlich, da schwülstige Balladen wie diese kaum jemand braucht. Da hören wir doch lieber den ungestümen Überflieger Kay One aus dem ersguterjunge-Lager zu („Schöne neue Welt“).

Der Rest des Materials ist relativ gewöhnlicher Deutsch-Rap-Stoff, der von den üblichen Verdächtigen aus dem Bushido-Lager (Beatzarre, Djorkaeff) produziert wurde und inhaltlich die üblichen Bereiche abklopft. Dabei wird hier und da die Bundesprüfstelle auf den Plan gerufen („Verriegel deine Tür“), es werden Großstadtgeschichten von Jugendlichen (gerne auch mit Migrationshintergrund) erzählt („Ein Märchen“, „Gib nicht auf“) und über die „Schattenseiten“ des Ruhms lamentiert (unser Mitleid hält sich allerdings in Grenzen...).

Leider spielen sich die beiden Rapper wie in „Haus aus Geld“ zu selten die Bälle direkt zu und agieren tatsächlich miteinander und nicht nebeneinander. Dadurch bleibt eine künstlerische Sensation aus. „23“ ist solide, bietet kaum größere Ausfälle, aber auch nur wenige Highlights. Dafür, dass Deutschlands Rap-Elite am Start ist, ist das prinzipiell zu wenig. Am Ende wird es wohl die Erwartungshaltung des Hörers bestimmen, ob „23“ eine nachhaltige Relevanz besitzt. Denn was nach drei, vier Durchläufen nicht zündet, wird auch nach dem fünften Versuch nicht besser.

Anspieltipps:

  • Erwachsen sein
  • Und schon wieder
  • Schöne neue Welt
  • Verriegel deine Tür
  • Wer bist du denn schon?
  • Auch wenn es manchmal regnet
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