Erdmöbel - Retrospektive - Cover
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Erdmöbel Retrospektive


  • Label: Content Records/EDEL
  • Laufzeit: 70 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
4.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Duell der Unbekannten geht in die nächste Runde! Läuft man durch deutsche Innenstädte und befragt die breite Masse nach den Namen Klez.E oder Erdmöbel, dann wird es tonnenweise Fragezeichen hageln. Zu Recht? Nun, es zeigt sich erneut, dass Kritiker, die auf der Suche nach dem Besonderen sind, nicht immer dieselben Geschmäcker wie die Käufer haben. Dass 2006 Klez.E's „Flimmern“ die Bestenlisten der Kritiker dominierte oder selbst der Rolling Stone letztes Jahr seine Hand für „Krokus“ von Erdmöbel ins Feuer legte, ist den Radiohörern der Republik zumeist fremd. Ob das fünfte Album in acht Jahren und ihr 15jähriges Plattenjubiläum dazu beitragen, dass Erdmöbel im gehobenen Pop-Künstler-Alter doch noch zu Chart-Ruhm und – Ehre kommen, darf bezweifelt werden. Dass es sich wiederum um guten deutschen Indie-Pop handeln könnte, steht auf einem ganz anderen Papier.

Wer noch nie etwas von Erdmöbel gehört und Probleme mit kryptischen Texten à la Klez.E oder Turbostaat hat, der wird mit der Gruppe nicht allzu schnell warm werden. Immer wieder Reime, die gezwungen wirken (aber nicht unlogisch oder unsinnig sind) und eine unorthodoxe Herangehensweise an die Themen der einzelnen Stücke. Die Bandbreite kann quantitativ von vornherein beeindrucken. 18 Lieder verteilen sich auf stolze 70 Minuten. Keine kurzen Instrumentaleinschübe, sondern durchgehend eigenständige Lieder, die besonders zu Beginn an Abwechslung nicht vermissen lassen. „Der Blaue Himmel“ wirkt wie eine einzige Blaupause von E-Pop. Spielereien mit Stimme und Samplern ergeben hier gewollte Kunst, die jedoch nicht bei jedem zünden wird. Auch die überlange Melodrama-Ballade „Wette Unter Models“ erstickt sich selbst mit kleinen Ideen, die erst bei mehrmaligem Hören auffallen, die Soundpalette allerdings nicht hörbar beeinflussen.

Besser gefallen Erdmöbel, wenn sie nach Rockmusik klingen und auf schlichte, aber bestimmte Riffs und Akkorde setzen („Wurzelseliger“) oder organisch zur Sache gehen („Russisch Brot“). Die Bemühung interessant zu sein, thront aber über den Schönheitsfehlern der Lieder. „Fremdes“ allein ist eine Mischung aus Indie, Reggae, Punk und einem guten Schuss weiterer Ingredienzien. Die Faszination der elektronischen Tracks wie „Lied Über Gar Nichts“ wird die Mengen teilen. Was für die einen verkopft und distanziert klingt, wird für andere große Kopfkunst sein. Aus der Sicht dieser Kritik muss man ersteren Eindruck festhalten, da die Lieder sich in ihren Elementen verlieren, anstatt das Gesamtbild im Blick zu behalten.

Auch „Busfahrt“, welches Sänger Ekimas spricht und fast wie einen Poetry-Slam-Text in Gedichtform vorträgt verträgt sich nicht mit der dazu laufenden Musik. Fraglos brennen Erdmöbel auch den Rest des Albums ein Feuerwerk der Abwechslung ab, doch spätestens nach einer Dreiviertelstunde ist Schicht im Kopf des Hörers und das Muster der Band brennt sich in den Gehörgang. Die Lieder erscheinen wie aus einem Guss, was für die Konzeption steht, schaffen es aber nicht, längerfristig im Kopf zu bleiben. Keine denkwürdigen Zeilen, die einem bleiben und auch keine Melodien, die bis zum ersten Schnee durchhalten wollen. Viel zu vertrackt und umständlich sind diese Pop-Songs, wie auch das eigentlich leichte „In Den Schuhen Von Audrey Hepburn“, das sich unnötig Ballast in Form lauter, sich überlagernder Elemente verpasst. Nicht wenige Kritiker werden die Band dafür abermals in den Himmel loben. Dafür fehlen allerdings die ganz großen Ideen, wie es „Vom Feuer Der Gaben“ seitens Klez.E vormachte und auch die betörende Eingängigkeit, die leichte Musik, die auch Chart tauglich sein darf, unvergesslich macht.

Anspieltipps:

  • Wurzelseliger
  • Russisch Brot
  • Lang Schon Tot

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