Tom Waits - Bad As Me - Cover
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Tom Waits Bad As Me


  • Label: Anti Records
  • Laufzeit: 45 Minuten
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9/10 Unsere Wertung
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein Live-Album, eine monumentale B-Seiten-Sammlung, das waren die musikalischen Lebenszeichen des Tom Waits seit dem letzten regulären Studioalbum „Real Gone“ von 2004. Und was das für ein Album war. Ob „Bone Machine“, „Mule Variations“, die Theaterverwertungsproduktionen „The Black Rider“, „Alice“ und „Blood Money“, oder eben „Real Gone“: Tom Waits’ Spätwerk sprüht sprachlos machend vor beständiger Selbstübertrumpfung. Einer der immer besser wird, je Älter er wird, wie eine gute, süchtig machende Spirituose, so ist Tom Waits und so ist er schon lange; auch darauf ist man als Rezipient inzwischen eingestellt. Und dennoch: „Bad As Me“ haut wieder gewaltig um, es sprühen einfach zu viele glitzernde Funken der Kreativität, ist die experimentierfreudige Kauzigkeit des uns mit seinem stimmlichen Timbre einnehmenden und gefügig machenden Waits wieder kopfschüttelnd irre. Irre gut selbstredend.

„Bad As Me“ ist eine kleine Werksschau geworden, zu einem gewissen Grad auch eine Muskelspiel, Tom Waits packt in rastlosem Wahnsinn alles aus was er im Koffer hat, um es uns zu zeigen. Um sich selbst und die Welt daran zu berauschen. Und Keith Richards, David Hidalgo und Flea machen mit. Es croont mit samtpfotiger Blues-Begleitung in „Face To The Highway“ wie zu so vielen guten alten Waits-Momenten, klar, die trunkene Ballade „Kiss Me“, die die Singularität des ersten Males von einer langen Lebensbegleiterin naiv-emotional wiedereinfordert, darf auch nicht fehlen. Tom Waits beherrscht geradezu unheimlich viele Klaviaturen und Rollen. Er ist ein Schauspieler, durch und durch, das war Waits schon immer, oder genauer: seit er im Zappa-Vorprogramm, als unbekannter, jungspundiger Möchtegern-Beatnik Anfang der Siebziger, gleich zu Beginn seiner Karriere von der Bühne gepfiffen wurde mit seinen empfindsamen Klavierballaden voller Weltschmerz und Liebesleid, die die auf Freak-Rock eingestellten Schlaghosen-Kiffer nicht hören wollten – zu Salon-jazzig, zu old-fashioned. Seit dem ist Tom Waits eine Dauerinszenierung, ein Magier der seinen Trick lebt, 24/7 - wie der Film „Prestige“ lehrt. Es gibt ihn nicht mehr anders. Kauzig, seltsamste Interviewantworten gebend, unberechenbar, trickreich, wandelbar und faszinierend.

Sofort mit „Chicago“ poltern wir ohne Rückfahrtticket in diesen train ride: „All aboard!“ fordert er uns auf ins Ungewisse mit seiner unnachahmlichen Stimme, während Keith Richards und Marc Ribot einen Blues-Schlängeltanz dazu aus den Handgelenken schütteln, der Beine verknotet, das Saxophon Körperteile zuckend vibrieren lässt und die Mundharmonika den Song schlussendlich in den endlosen Sonnenuntergang schickt. Dazwischen hetz, groovt, tänzelt und schüttelt sich ein Waits in beständiger Bestform. „Raised Right Men“ kennt die selbe gelungene Überbordung und ist doch gänzlich anders: eine schreiende Orgel und Sohn Casey’s druckvolles Schlagzeug-Spiel, der sich im Übrigen zum regulären Waits-Drummer gemausert hat und auf „Bad As Me“ hinter jeden Song an den Fellen sitzt, untermalen Flea’s Bass der Treppe auf- und abzutanzen scheint, wie ein übermütiger Trunkenbold.

So könnte man ewig weitermachen. Waits-Songs gehören zu den gehaltvollsten in der U-Musik, ob Ballade oder Polterabend-Achterbahnfahrt. Vielschichtig weiß er jedes Instrument einen stimmigen dramaturgischen Platz zuzuweisen, ob Klavier, Tuba, Trompete, Akkordeon oder Gängigeres. Dazu raunt er, fleht er, gruselt und beseelt er: „Please, please love me tender, ain’t nothing wrong with that“ zum Beispiel im Rockabilly-Feger „Get Lost”. Machen wir sofort, Tom. Im Titelsong ist die konzeptionelle Hölle los, in „Hell Broke Luce“ eine toll gewordene Armee aus Gitarren, Maschinengewehrfeuer und Explosionen, besonders im hinteren Teil legen Richards und Waits Spuren aus Rock und Blues, getreten mit im Grunde Unvermischbarem. In einem David Foster Wallace-Roman verhilft sich eine verzweifelte junge Romanfigur Respekt durch die Äußerung „Ich bin Komplex!“ zu verschaffen. Tom Waits wird einen solchen Satz niemals sagen. Stattdessen lebt er ihn einfach.

Anspieltipps:

  • Chicago
  • Hell Broke Luce
  • Bad As Me
  • Get Lost
  • Satisfied
  • Kiss Me
  • Raised Right Men

Dieser Artikel ging am um 14:22 Uhr online.
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