Nils Petter Molvaer - Baboon Moon - Cover
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Nils Petter Molvaer Baboon Moon


  • Label: Columbia/Sony Music
  • Laufzeit: 43 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Nils Petter Molvær ist ein norwegischer Jazztrompeter, welcher im Jahr 1997 mit „Khmer“ sein erstes Soloalbum veröffentlichte. Seit seinen Anfängen in der Band Masqualero hat er sich immer weiter entfernt von den Grenzen des Jazzgenres und experimentierte beispielsweise mit elektronischen Geräuschkulissen. Mit „Baboon Moon“ erscheint nun ein Album, auf welchem er mit dem Gitarristen Stian Westerhus (Jaga Jazzist, Monolithic) und dem Ex-Madrugada Schlagzeuger Erland Dahlen neue Mitmusiker gefunden hat, mit denen er die Grenzen zwischen Jazz und Alternative Rock auf besondere Weise verwischt. Dabei finden sich auf seinem neuesten Werk noch viele weitere Experimente mit elektronischen Sounds und undefinierbaren Klängen.

Die besondere Interaktion von Molvær und seinen beiden Mitstreitern, die mit ihrer stets kakophonischen und unheimlichen Begleitung die Stücke beleben, macht letztendlich, neben den einfach auf höchstem Niveau ausgearbeiteten Songs und der hervorragenden Leistung eines jeden Musikers, einen Großteil der Qualität von „Baboon Moon“ aus. Hier kommt ihnen aber auch die brilliante Produktion von Westerhus zugute: Sehr detailliert ertönen die Songs, man kann sogar die Luftgeräusche hören, wenn Molvær sein Instrument bedient. Die Gitarre und das Schlagzeug sowie die weiteren Instrumente sind fein herausgearbeitet, immer hörbar, schwingen bedrohlich im Hintergrund, während die Trompete stets die klare Führungsposition einnimmt. Sie ist der Dirigent, die anderen Instrumente reagieren letztlich nur auf ihre Befehle, sind treue und feste Stützen. Gitarrensolos wie im Stück „Sleep With Echoes“ bleiben die Ausnahme, und gerade deswegen sind auch dies ganz besondere Momente, die in diesem Fall Westerhus vollends genießt.

Auf „Baboon Moon“ wird häufig mit fließenden Übergängen gearbeitet, als wäre das Album ein einziger Song, der die nimmer endenden Auf- und Abstiege eines riesigen Berges nachvollzieht. Gleich die ersten drei Lieder ergeben zusammen eine besondere Klimax, wenn sich zunächst „Mercury Heart” majestätisch erhebt und anschließend „A Small Realm” in kühlere, niedere gefilde abschweift, nur damit „Recoil” mit seinem berauschenden Instrumentalgewitter eine ganz besondere Wirkung entfalten kann. Das Album wechselt von düsteren, kriechenden und atmosphärischen Stücken („Coded“) hin zu solchen, in denen das Trio seine volle Spielfreude ausleben kann („Baboon Moon“). Das Schlagzeug klingt riesig mit seiner bebenden Bassdrum, die Gitarre entwickelt mit vielen Effekten verstörende und verzerrte Geräuschkulissen, die Trompete legt sich getragen darüber.

Trotz seiner starken Jazz-Anleihen ist „Baboon Moon“ keineswegs ein Album geworden, welches lediglich Fans dieses Genres anspricht. Improvisation spiele laut Molvær zwar eine tragende Rolle, er bezeichne die Musik auf seinem neuesten Album jedoch eher als „free, black prog Rock“. Gerade wegen der Rock-Begleitung, den in jedem Fall immerhin nachvollziehbaren, nie allzu langen Songs und Strukturen sowie der letztlich überschaubaren Länge des gesamten Albums, ist das Werk in jedem Fall auch für experimentierfreudige Hörer/innen „modernerer“ Genres geeignet. Der Aufbau des abschließenden Titeltracks beispielsweise, welcher leise und lediglich mit Trompete beginnt, hätte in ähnlicher Form auch von einer Post-Rock Band kommen können. Die Trompete gönnt sich zu Beginn noch Pausen, der Song nimmt sich Zeit, nur um sich schließlich in einer Welle aus verzerrten Gitarren und Geräuschen, sakralen Frauenchören sowie den vollkommen in trancehafter Virtuosität aufgehenden Schlagzeug und Trompete zu ergießen. Ein schlicht grandioser und intensiver Abschluss. Natürlich ist „Baboon Moon“ damit weit entfernt von jeglichen Popkonventionen und entzieht sich jeglicher Erwartungshaltung, doch offene Ohren können hier möglicherweise eines der Highlights dieses Jahres entdecken.

Anspieltipps:

  • Mercury Heart
  • Recoil
  • Sleep With Echoes
  • Baboon Moon

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