Lou Reed & Metallica - Lulu - Cover
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Lou Reed & Metallica Lulu


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 88 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
2.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Die musikalisch im wahrsten Sinne des Wortes schwerste (Mainstream-)Kost im ausgehenden Monat Oktober erscheint nach der überraschenden gemeinschaftlichen Zusammenarbeit von Lou Reed und Metallica im Sommer dieses Jahres unter dem Namen „Lulu“. Zehn Songs, verteilt auf zwei CDs mit einer Gesamtspieldauer von fast eineinhalb Stunden prasseln dabei auf den Hörer ein, der, wie bei Metallica inzwischen üblich, schwer gefordert wird.

Lou Reed (69), der immer leicht schräg und grantig wirkende Journalistenschreck, tut sein Übriges mit Nachdruck dazu und präsentiert federführend einen Songzyklus, der sich auf das Schaffen des Expressionisten Frank Wedekind beruft („Die Büchse der Pandora“, „Erdgeist“ – später unter dem Titel „Lulu“ zusammengefasst). Dabei hatte Lou Reed die „Lulu“-Songs ursprünglich für eine Theaterinszenierung am Berliner Emsemble geschrieben, bevor er die Jungs von Metallica ins Boot holte, die für das Projekt Feuer und Flamme waren. Reed lieferte dazu die Texte und die musikalischen Grundgerüste ab, zu denen Metallica hauptsächlich ihre Metal-Riffs beisteuern sollten.

Hier mag für den einen oder anderen der Hase im Pfeffer liegen. Denn Metallica haben sich seit ihrem umstrittenen „St. Anger“-Album (062003) einen Sound angeeignet, der vielen alten Fans die Nackenhaare zu Berge stehen lässt – und das nicht im positiven Sinn! Auch auf „Lulu“ ist der Augenblick, in dem dies vielen Anhängern von Klassikern wie „Master Of Puppets“ (1986) oder „Ride The Lightning“ (1984) passieren dürfte, nicht fern. Denn schon im Opener „Brandenburg Gate“ schmettert das Stromgitarren-Triumvirat aus Kirk Hammett, James Hetfield und Lou Reed eine windschiefe Riffsalve, gepaart mit dem Sprechgesang Reeds und dem wütenden Bellen Hetfields aus der Hüfte, dass man das Quintett auf der Stelle verfluchen möchte.

Oder auch nicht! Denn die Mischung aus Reeds verstörendem Sprechgesang, den dadaistischen Texten und Metallicas mitunter etwas arg holprigen Rhythmen und nach „Death Magnetic“ klingenden Riffs, entwickelt durchaus eine gewisse Magie. Zumindest verlangt „Lulu“ danach, mindestens einmal am Stück gehört zu haben. Einzelne Songs herauszugreifen macht dagegen kaum Sinn. Wo wollte man auch ansetzen, angesichts von Kompositionen, die sich im Schnitt acht bis neun Minuten lang austoben?

Am meisten Metallica steckt vielleicht im mächtigen „Frustration“ – wenn Lou Reed die Thrasher einmal von der Leine lässt. Sein mäandernder Sprechgesang bleibt natürlich allgegenwärtig und muss erst mal geknackt werden. Gelingt dies, dann hören wir u.a. schrotende Thrash-Elemente in „Mistress dread“, melodischere Hardrockriffs in „Iced honey“ und Klaustrophobie auslösende, an The Velvet Underground gemahnende Klanggebilde in „Cheat on me“, „Little dog“ und „Dragon“. Wem das alles zu viel Kunst und zu wenig Heavy Metal ist, ja, der ist mit „Lulu“ definitiv an der falschen Adresse! Wer als Metallica-Fan von der Zusammenarbeit mit Lou Reed allerdings allen Ernstes ein „vollwertiges“ Metal-Werk erwartet hat, dem ist leider auch nicht mehr zu helfen.

Keine Frage, es knirscht ganz schön im Gebälk, wenn diese beiden Supertanker der Rockmusik aufeinandertreffen und irgendwie nach einem Konsens suchen. Denn trotz aller Superlative ist eben auch nicht alles Gold, was glänzt (das belanglose 20-minütige Schlussstück etwa). Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte: „Lulu“ ist ein respektables Album, das mächtig polarisiert, aber auch nur einen Nebenprojektcharakter besitzt, so dass die Kirche am Ende im Dorf gelassen und zur Normalität zurückgekehrt werden darf.

Bleibt zum Schluss nur noch eine Frage: Wo sortiert man die „Lulu“-CD im Regal ein: Unter Metallica oder Lou Reed? Lösungsvorschlag: Wir stellen ab sofort einfach The Velvet Underground, Lou Reed und Metallica nebeneinander ins Regal.

Anspieltipps:

  • Frustration
  • Iced honey
  • Cheat on me
  • Brandenburg Gate

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