Scooter - The Big Mash Up - Cover
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Scooter The Big Mash Up


  • Label: Sheffield Tunes/EDEL
  • Laufzeit: 139 Minuten
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4.5/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Alle (ein oder zwei) Jahre wieder beglücken uns MC Blondel und sein dynamisches DJ Duo mit mehr oder weniger sinnfreien Kirmestechno-Alben, die der Geschmackspolizei ungehört ein Dorn im Auge sind und Fans (ebenfalls ungehört) die Freudentränen in die Augen treiben. Spätestens seit der überraschenden Pole Position in Großbritannien mit Platin-Auszeichnung für „Jumping All Over The World“ (11/2007) weiß man zudem: Der Erfolg von Scooter kennt keine Grenzen und selbst eine Ansammlung von drittklassig aufgewärmten Jumpstyle- und Happy Hardcoreversionen von bereits in Vergessenheit geratenen Songs aus allen Jahrzehnten reicht für einen zweiten Platz in den deutschen Charts (gemeint ist natürlich „Under The Radar Over The Top“ vom Oktober 2009).

Dieses Mal ist jedoch alles anders. Hans Peter, Rick und Simon blicken ernst vom Cover des 15. Machwerks und der ironische Titel „The Big Mash Up“ prangt als Graffiti über ihren Häuptern. Es ist Zeit für eine Revolution, Scooter haben den ausnahmslos fröhlichen Stil der Vorgänger satt (sehen wir mal von Neufassungen wie „Second skin“ oder „Manian“ ab) und präsentieren bereits mit dem Vorboten „The only one“ eine Mischung aus Fanfaren, lauten Schlachtrufen und bewährten Synthesizer-Klängen, fügen dem vordergründig bunten Treiben aber noch eine dunkle Seite hinzu, die sich durch einen (für Scooter-Verhältnisse) geradezu melancholischen Refrain bemerkbar macht. Als Vorlage diente nicht nur „The only one I know“ von The Charlatans, sondern auch ein gewisses Stück namens „Lithium“. Deutschlands liebste Kirmestechnobude goes subtil? Nö, aber ihr dabei zuzuhören macht einen höllischen Spaß!

Gemäß dem diesjährigen Motto „It´s not where you take things from, it´s where you take them to” stellen sich Wasserstoff-Hans und sein Gefolge einen musikalischen Freibrief aus und verkuppeln, covern oder missbrauchen jetzt erst recht bekannte Melodien und ins Ohr gehende Textpassagen für pumpende Tanzbodenkracher, dessen zumutbare Ausbeute verglichen mit vorangegangenen Veröffentlichungen deutlich höher ausfällt. Daran sind vor allem die folgenden zwei Punkte schuld:

1. Gepitchte Vocals treten nur mehr sporadisch auf und werden nicht bis zum Exzess dem Hörer um die Ohren geschlagen.

2. „The Big Mash Up“ orientiert sich sinnvoll am aktuellen Clubgeschehen, was eine höhere musikalische Bandbreite verspricht.

Allein die gnadenlose Bummsbeat-Verwurstung von „A walk in the park“ (The Nick Straker Band) mit spritzigen Dubstep-Einschüben ist erstaunlich kompakt und kurzweilig geraten ohne ins ausgelutschte 0815-Schema abzudriften. „Freestyler“ (Bomfunk MC´s) trifft Richard Sandersons „Reality“ heißt es dann in „Dreams“, das lediglich mit den Soundeffekten übertreibt und für „C´est bleu“ hat man überhaupt Vicky Leandros ins Studio eingeladen um eine maßgeschneiderte Jumpstyle-Variante ihres 1967-er Eurovision-Beitrags anzufertigen. Diese Natürlichkeit in elektronischen Kompositionen, die unter anderem für den enormen Erfolg von Chartdominator David Guetta verantwortlich ist, greifen Scooter jedoch noch in weiteren Tracks auf, die mitunter zum Besten gehören, was das Trio in den letzten Jahren abgeliefert hat.

„It´s a biz“ peppt seine Afrojack-Imitation z.B. mit einem feurigen Verweis auf Chaka Khans „Ain´t nobody“ auf, der weiblichen Aufforderung in der schmissigen Electro-Nummer „Sex and drugs and rock´n´roll“ nicht nachzukommen fällt reichlich schwer und der mit Autotune verstümmelte Part in „Sugary dip“ ist zumindest besser als die fiepsige Pacman-Stimme, die über „Beyond the invisible“ hergefallen ist. Als zusätzliche Negativbeispiele müssen dafür uninspirierte Stücke wie das nervige Disco/House-Konglomerat „Bang bang club“ oder die unbegreiflich schlechte Möchtegern-Feelgoodabteilung („Summer dream“, „Close your eyes“, „Copyright“) herhalten, die „The Big Mash Up“ in punkto Qualität wieder in die Waage bringen. Einen kleinen Pluspunkt gibt es abschließend noch für die geglückten Instrumentalstücke „8:15 to nowhere“ und „Mashuaia“, welche zwar nicht mit Großtaten a la „Main floor“ oder „Dusty vinyl“ gleichzusetzen sind, aber immerhin nicht gleich die Skip-Taste bemühen.

So kommt es zu einer extrem positiven Überraschung. Scooter liefern endlich wieder halbwegs solide Kost ab, die jeden Fan berechtigterweise verzücken wird. H.P.´s Texte und Performance sind natürlich noch immer ziemlich schwach auf der Brust und nicht der Rede wert, aber irgendwie hat man auf „The Big Mash Up“ nicht das Bedürfnis jede Sekunde deswegen gleich den Kopf zu schütteln. Abgesehen davon legen Scooter der Standardausgabe noch ohne zusätzlichen Aufpreis eine zweite CD bei, die einen 80 Minuten langen Mix aller bisherigen Scooter-Singles unter dem Namen „Suck my Megamix: The longest Scooter single in the world“ enthält. Wer diese 46 Stück ohne zu schummeln beim Namen nennen kann, darf sich anschließend als ultimativer Scooter-Fan krönen oder ist einfach nur bekloppt. Wir wünschen viel Spaß dabei!

Anspieltipps:

  • Mashuaia
  • It´s A Biz
  • David Doesn´t Eat
  • Sex And Drugs And Rock´n´Roll

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