Coldplay - Mylo Xyloto - Cover
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Coldplay Mylo Xyloto


  • Label: Parlophone/EMI
  • Laufzeit: 44 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
7.2/10 Leserwertung Stimme ab!

„Mylo Xyloto“ - Schon der Name gibt Rätsel auf. Was bedeutet es? Wer ist damit gemeint?

Für Viele haben Chris Martin (Gesang, Keyboard, Gitarre), Jonny Buckland (Gitarre), Guy Berryman (Bass) und Will Champion (Schlagzeug, Perkussion) den BritPop neu definiert, hymnischer gemacht und behutsam ins neue Jahrtausend hinüber gesetzt. Das ungeschliffene Debüt „Parachutes“ (07/2000) beeindruckte zwar nicht nur mit wunderbaren Melodien und Emotionen, sondern verschleppte den Hörer ungefragt in ein wundersames Märchenland, in dem Zauber und Grauen Hand in Hand gingen, da sich beim eigentümlichen Falsettgesang Martins die Geister scheideten, doch immerhin war dies erst der Anfang einer langen Reise. Der Nachfolger „A Rush Of Blood To The Head“ (08/2002) hatte dieses Problem sowieso nicht mehr. Jeder Song war trotz seiner simplen Anlage aus Gesang, Klavier, Gitarre und gelegentlich eingebetteten Streichern etwas Einzigartiges, fesselte aufgrund meisterhaft in Szene gesetzten Kompositionen stundenlang und kulminierte in einen internationalen Multiplatinerfolg, der seither als Blaupause für das Coldplay´sche Oeuvre gilt, sodass man sich nicht einmal schämen musste, die als Mädchenmusik verschrieenen Kompositionen gut zu finden. Schließlich hörte im ausklingenden Jahr 2002 einfach jeder „The scientist“ oder „Clocks“ und nickte andächtig mit.

Mit dem darauffolgenden „X And Y“ (06/2005) betrieben die vier Briten dann umwerfende Statusverwaltung, ersetzten das Klavier durch pompöse Orgeln und erschufen ein einnehmendes, massentaugliches Produkt, das ausnahmslos Jeder von 6 - 99 als gut befinden konnte. Eindringlich-sphärische Klanggebilde schwirrten durch den Raum und trafen den Nerv der ansonsten gestressten Weltbevölkerung, die sich in den Zeilen von „Fix you“ („When you try your best, but you don´t succeed”) wieder fand oder die neun, zu einer grandiosen Melodie verschmolzenen Noten des Kraftwerk-Klassikers „Computerliebe“, die in „Talk“ verwendet wurden, auf dem Weg zur Arbeit summte. Zu diesem Zeitpunkt galten Coldplay als Phänomen, verkauften riesige Hallen in Sekunden aus und engagierten sich für mehrere karitative Organisationen wie Oxfams „Make Trade Fair“-Kampagne oder Amnesty International, standen aber auch an einem Punkt in ihrer Karriere, wo es nur mehr zwei Wege zu geben schien: Radikalität oder Konventionalität.

Mit dem Cover zu „Viva La Vida Or Death And All His Friends“ (06/2008) setzten Coldplay ein unmissverständliches Zeichen. Dort zierte ein Ausschnitt des Gemäldes „Die Freiheit führt das Volk“, auf dem es um den dreitägigen Aufstand der Pariser Bevölkerung im Juli 1830 geht, des französischen Malers Eugene Delacroix die Front und der Vierer kleidete sich daraufhin in, an den damaligen Widerstand erinnernde, Uniformen. Doch nicht nur optisch setzte die Band ein Zeichen, auch musikalisch regierten aufgebrochene Songstrukturen, eine dezente Abkehr vom Pathos der Anfangszeit und stark rhythmuslastige Kompositionen, mit denen sich Coldplay alles andere als Freunde machte und darüber hinaus noch einige Plagiatsvorwürfe zu widerlegen hatte. Joe Satriani will im Titeltrack seine Schöpfung „If I could fly“ gehört haben und Yusuf Islam bzw. Cat Stevens seine „Foreigner suite“ verwendet wissen. Das Resultat war eine außergerichtliche Einigung, eine Tasse Tee mit Herrn Islam und eine ambivalente, aber ohne Frage ambitionierte Platte, die sich den herkömmlichen Erwartungshaltungen, die an die Band gestellt wurden, entziehen wollte, dies aber auf Kosten der Homogenität bewerkstelligte.

Drei Jahre später im Juni dann der Knall: Coldplay veröffentlichen mit „Every teardrop is a waterfall“ neues Material und der erste Vorbote aus dem fünften Album klingt gar nicht einmal so neu. Produzent, Komponist und DJ Alex Christensen erhebt Ansprüche, der Song sei angeblich auf seine für das Eurodance-Projekt Chocolate geschriebene Nummer „Ritmo de la noche“ zurückzuführen und somit geklaut. Doch Coldplay haben dazu gelernt und winken ab. „Every teardrop is a waterfall“ entstand unter Zusammenarbeit mit den ursprünglichen Songschreibern Peter Allen und Adrienne Anderson, die das launige „I go to Rio“ zimmerten. In den Credits des sehnsüchtig erwarteten Nachfolgers zu „Viva La Vida Or Death And All His Friends“ heißt es daher: „Every teardrop is a waterfall incorporates elements of „Ritmo de la noche“ written by Christensen / Castioni / Lagonda / Wycombe, which incorporates elements of „I go to Rio“ written by Allen / Anderson.“ Das ist in der Tat etwas verwirrend, doch dass der Schluss des Tracks ebenso an „Sunday bloody sunday“ von U2 erinnert, bleibt außen vor. Doch seien wir mal ehrlich: Bei guter Popmusik kommt es nicht auf solche Kleinigkeiten, sondern auf das große Ganze an und das ist im Falle des neuesten Coldplay-Ablegers erneut ein zweischneidiges Schwert geworden.

„Mylo Xyloto“ - Schon der Name gibt Rätsel auf. Was bedeutet es? Wer ist damit gemeint? Martin & Co. dementieren Spekulationen schon im Vorfeld: „Es fühlt sich für uns einfach frisch an - es ist neu. Es bedeutet eigentlich nichts. Wir hatten diesen Namen schon etwa seit zwei Jahren auf einer Liste und dieser Titel hat sich letztendlich durchgesetzt.“ Ein paar Wochen später heißt es allerdings, das Album behandelt die Liebesgeschichte der Charaktere Mylo und Xyloto. „Sie verlieben sich und laufen zusammen weg. Die Songs erzählen, was passiert. „Charlie Brown“ handelt vom Weglaufen, während „Paradise“ davon handelt, sich verloren zu fühlen. Das Ende ist sehr machtvoll und handelt davon, dass Liebe alles überwindet.“ Zusätzlich erscheinen erste Artworks, die an mit Graffitis besprühte Betonwände erinnern. Coldplay als farbenfroher Gegenentwurf zum tristen Alltag? Kann das funktionieren?

Jein, denn „Mylo Xyloto“ ändert im Laufe seiner 44 Minuten seine Prioritäten und enttäuscht durch einige halbgare Ideen im Mittelteil, die im Vergleich zum extrem starken Beginn und dem Gänsehaut-Finale keine Chance haben. Das Eröffnungspaket mit „Hurts like heaven“, „Paradise“, „Charlie Brown“ und „Us against the world“ sprüht nämlich nicht nur so vor überbordendem Optimismus, der sich in flackernden Synthiespuren, mächtigen Gitarrenwänden und dem berühmt-berüchtigen Coldplay-Drama von „A Rush Of Blood To The Head“ und „X & Y“ bemerkbar macht, sondern gibt sich zudem wesentlich zielorientierter, subtiler und eingängiger als der Großteil auf „Viva La Vida And Death And All His Friends“, sodass man nach den ersten zwanzig Minuten nicht so recht weiß, welchen Song man am ehesten ins Herz schließen möchte. Das Intermezzo „M.M.I.X.“ kündigt anschließend einen Umbruch an und geleitet den Hörer in die mutige, aber zugleich verloren wirkende Phase des Albums.

Das bereits erwähnte „Every teardrop is a waterfall“ fühlt sich in den Stadien dieser Welt wohl, bleibt jedoch etwas blass, das rockige „Major minus“ stößt den Hörer durch seine kratzige und ungemütliche Ader regelrecht ab und „U.F.O.“ hantiert mit minimalistischer Atmosphäre und inkorporiert lediglich akustische Gitarren und einen Streicherteppich, während „Princess of China“ mit Rihanna als Gesangspartner (Zitat Chris Martin: „Sie hat so eine tolle Stimme, die so anders ist als meine.“) nicht der erhoffte Geniestreich geworden ist. Miss Fenty richtet den Song zwar keineswegs zugrunde und harmoniert durchaus mit Martins Organ, doch der Fokus auf HipHop-Bass und Oh oh oh´s und La la la´s entlarvt die eigentlich spannende Grundidee der Komposition leider als geschickt eingefädelten PR-Gag, denn künstlerischen Nährwert besitzt die Nummer keinen. Glücklicherweise besinnen sich Coldplay mit „Up in flames“ wieder ihrer Stärken und formen mit Hilfe eines TripHop-Beats und unterstützenden Pianoklängen und Streichern eine eindrucksvolle Stimmung, die in etwa zwischen der sehnsuchtsvollen Darbietung eines „Warning sign“ und dem warmherzigen „Amsterdam“ anzusiedeln ist.

„Don´t let it break your heart“ läutet dann das Finale ein. Überschwänglich, leicht überladen, doch auf charmante Art und Weise betörend, drehen Coldplay noch einmal richtig auf, bevor „Up with the birds“ die von Brian Eno jederzeit auf „Mylo Xyloto“ hörbare „Enoxification“ auf die Spitze treibt und den abschließenden 3:45 Minuten seinen Stempel am Stärksten aufdrückt. Ein flirrendes Gitarrensample schwebt davon, Martin erhebt seine in den Vordergrund gemischte Stimme, überraschend brechen gedoppelte Gesänge herein, überwältigen den Hörer und verschwinden so plötzlich wie sie gekommen sind, nur um den Song als klassische Coldplay-Ballade unaufdringlich ausklingen zu lassen und somit auch „Mylo Xyloto“ zu einem Ende zu führen.

Fazit: Coldplay haben es wieder getan und wäre es nicht zu Unstimmigkeiten im Mittelteil gekommen, Martin & Co. hätten endlich wieder ein von vorne bis hinten stimmiges Gesamtkunstwerk erschaffen, das auch abseits von Singleauskoppelungen und Radioairplay für ungebrochene Furore sorgt und den Hörer zu fesseln vermag. Somit bleibt es „nur“ bei einem äußerst guten, detailreichen (an den ersten vier Nummern (Titeltrack ausgenommen) kann man sich nicht satt hören) und auf sinnvolle Art und Weise rückwärtsgewandtem Album, dem man seine Schnitzer einfach vergeben muss. Mit „Mylo Xyloto“ belegen Coldplay im Rennen um den Britpop-Thron jedenfalls weiterhin einen Spitzenplatz und festigen ihr hochwertiges Profil mit erschreckender Leichtigkeit. Die Richtung für den Nachfolger ist also vorgegeben: Weiter so!

Anspieltipps:

  • Paradise
  • Up In Flames
  • Charlie Brown
  • Hurts Like Heaven
  • Us Against The World

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