Mirel Wagner - Mirel Wagner - Cover
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Mirel Wagner Mirel Wagner


  • Label: Bone Voyage/CARGO
  • Laufzeit: 31 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Text, Gesang und Akustikgitarre bleiben die spärlichen Zutaten dieses titellosen Albums.

Der Rezensent sitzt in der Regel mit Papier und Stift oder Tastatur vor den Lautsprechern und notiert seine ersten Eindrücke. Nicht allzu oft entfaltet ein Album derartige Sogwirkung, dass die Utensilien beiseite gelegt werden und nur noch das gebannte Lauschen in den Mittelpunkt rückt. Das Debüt von Mirel Wagner ist so ein Ausnahmefall. Man will gar keine Superlative bemühen, geschweige denn eine Rezension verfassen, wenn Musik derart unter die Haut kriecht, einen dermaßen in Bann zieht, dass es in Worte kaum zu fassen ist.

Das Innerste wehrt sich förmlich Worte zu verlieren, weil Worte in Anbetracht dieser Lieder wahrlich nur verlieren können. Verlust ist schließlich eines der kaum greifbaren Themen, die Mirel Wagner hier umkreist. Ihre Texte bleiben bei aller Einfachheit rätselhaft, sie bilden vielmehr das lyrische Wesen der Singstimme Mirel Wagners. Diese schwingt mit den Saiten ihrer Akustikgitarre, die dennoch eine zweite, andere Ebene zum Vorschein bringt. Konzentriert, eindringlich, präzise und intensiv zupft oder schlägt sie die Saiten an. Ihr Spiel ist Grundierung für die Lyrics, die gesungenen Lyrics rhythmisch-melodische Verfeinerungen des Saitenspiels. Interaktionen, die als Einheit wahrgenommen werden.

Immer wieder ist es Mirel Wagners Stimme, die fasziniert. Die dunkelhäutige 23-jährige (geboren in Äthiopien, aufgewachsen in Finnland) singt mal mädchenhaft, mal mit der Reife einer Frau. Sie ist kein Stimmwunder, keine Stimmakrobatin, umso mehr eine Stimme mit unauslotbarer Tiefe und unmittelbarer Nähe. Dementsprechend wird das Coverartwork zum Spiegelbild ihres Gesangs. Der Blick aus dem Dunkel im Dunkeln. Finsternis und Schönheit. Gesicht und Stimme. Klang und Raum.

Text, Gesang und Akustikgitarre bleiben die spärlichen Zutaten dieses titellosen Albums. Karg, dunkel, monoton und hypnotisch laufen die Songs wie ein präzises Uhrwerk ab. „Dream“ ist nur ein Beispiel für die gebannte Spannung, die zwischen Zuhörer und Künstlerin entsteht. Mirel Wagner sitzt scheinbar im gleichen Raum wie der Hörer und gibt nur diesem einen Gegenüber ihre geheimnisvollen Songs preis. Dieselbe Magie, die Nick Drakes „Pink Moon“ (1972) und „Days In The Wake“, das Will Oldham 1994 unter dem Namen Palace Brothers veröffentlichte, auszeichnet. Beides karge Meisterwerke, die von Gesang, Akustikgitarre und Text leben, beide mit einer Gesamtspielzeit unter 30 Minuten. Mirel Wagners Debüt ist nach 30:38 Minuten vorbei und jeder Hördurchlauf bestätigt Intensität und Intimität dieses frühen Meisterwerks.

Wohin führt Mirel Wagners Weg? Ist die gegenwärtige Musiklandschaft bereit für sie? Für eine die ganz groß werden müsste? Wird es ihr ergehen wie Nick Drake, lange verkannt und später anerkannt? Oder eine Alternativgröße wie der erwähnte Will Oldham? Was wird kommen nach einem derartigen Debüt? Gut vorstellbar wäre ein Werk mit Streichern, so wie Leonard Cohens „Songs Of Love And Hate“. Lassen wir uns überraschen und lauschen bis dahin diesem unerwarteten Meisterwerk.

Anspieltipps:

  • To The Bone
  • No Death
  • Red
  • Joe
  • Dream

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