Justice - Audio Video Disco - Cover
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Justice Audio Video Disco


  • Label: Atlantic/WEA
  • Laufzeit: 46 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Sprachlosigkeit ist immer ein gutes Indiz für herausragende Alben. „†” (07/2007) erreichte diesen Zustand beim Hörer jedoch nicht durch ausgeklügelte Melodien und nachdenkliche Texte, sondern fegte das ahnungslose Individuum vor dem Lautsprecher kurzerhand vom Stuhl, stürzte sich auf ihn und malträtierte anschließend sämtliche Gehörgänge mit einem brutalen wie genialen Groove, damit dessen Nachhaltigkeit für mehrere Jahre gesichert war. Nach über vier Jahren darf es dann aber auch gerne mal wieder etwas Neues sein und da kommt „Audio, Video, Disco“ gerade recht. „We weren´t trying to baffle anyone while making this record, even though that´ll probably the result. We need to take new directions to stay stimulated, but the aim wasn´t to reinvent ourselves” verkünden Gaspard Augé und Xavier de Rosnay und die ersten Töne steigen aus dem massiven Justice-Klangspektrum empor. Erneut macht sich Sprachlosigkeit breit.

Mächtig und herrlich mit der Erwartungshaltung spielend eröffnet der zweite Justice-Silberling mit „Horsepower“, dem 2011er Äquivalent zu „Genesis“. Dunkel grollend wirft die Nummer ihre Schatten, obwohl dies vor vier Jahren noch etwas dreckiger, wütender und rasanter vonstatten ging. Gesetztes Tempo befällt dann auch sogleich „Civilization“, der nette Beat und die Pop-Strukturen lassen jedoch verdutzt aufblicken und klingen so gar nicht nach schmutzigen Synthies, die liebestoll zum hemmungslosen Rudelbumsen blasen. Die Ankündigung, verstärkt Elemente aus den 80er Jahren wie progressiven Pop/Rock in das House-Konzept zu integrieren, beschert uns „Ohio“, einen behäbigen Kopfnicker, der trotz gelungener Atmosphäre und finalem Geknarze aufgrund The Beach Boys-Chor eine mehr als zwiespältige Angelegenheit ist.

Zum Glück nimmt „Canon“ endlich an Fahrt auf und fegt anständig durch die Boxen, während „On´n´on“ abgesehen von warmen Gesangslinien noch mit einem Knalleffekt ausgestattet wird und schon nach dem ersten Mal zum absoluten Ohrwurm mutiert. Bevor sich der Hörer jedoch an diese perfekte Fusion aus 80er Pop, Disco und Electro House gewöhnt, schnalzt „Brianvision“ mit ausgedehntem Gitarrenfeedback ums Eck und inkorporiert neben scheppernden Synthesizern die Behäbigkeit der ersten Nummern. Ein bedrohlicher Loop darf „Parade“ dann im Unterfangen „We will rock you“ unterstützen, wieso in weiterer Folge allerdings eine niedliche Synthiemelodie und verzerrte Vocals den Ton angeben, weiß der Teufel.

Das letzte Ass im Ärmel und zugleich der wahrscheinlich beste Track auf „Audio, Video, Disco“ ist „New lands“. Angelehnt an Supertramp formen Justice hiermit den zielstrebigsten Hybriden aus House und Pop, sodass die Repeat-Taste spätestens ab dem zweiten Durchgang heiß laufen wird. Zum Abschluss kredenzen Augé und Rosnay noch das funkige „Helix“ und den ausgesprochen flotten Titeltrack, es fehlt aber an Ideen und/oder Kompromisslosigkeit, die das solide Grundgerüst der beiden Tracks in mitreißendere Sphären gerückt hätte. „Statt durchgemachten Club-Nächten in der City mit Katerkopf und geröteten Augen am Tag danach liefern Justice auf „Audio, Video, Disco“ heute ihren ganz eigenen Soundtrack zu einem entspannten Nachmittag irgendwo auf dem Land“ fasst der Pressetext das Gehörte zusammen. In der Tat ist das sukzessive Werk zum schnaufenden, um sich schlagenden Monster „†” regelrecht langweilig, ja sogar stellenweise einschläfernd geworden, doch davon losgelöst und als eigenständiges Album betrachtet, entwickelt die Platte durchaus ihren Charme und macht mit ihrer heruntergefahrenen Herzfrequenz Sinn. Die Frage ist nur: Will man das von Justice hören?

Anspieltipps:

  • Canon
  • On´N´On
  • New Lands
  • Horsepower

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