The Dø - Both Ways Open Jaws - Cover
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The Dø Both Ways Open Jaws


  • Label: Naive/INDIGO
  • Laufzeit: 46 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Normalerweise läuft es folgendermaßen ab: CD in das Abspielgerät, auf Play drücken und erst einmal reinhören. Währenddessen wird der beiliegende Pressezettel studiert, Infos über das Internet oder den eigenen Fundus eingeholt und Notizen über das bisweilen Gehörte gemacht. The Dø lassen das nicht zu. Schon „A Mouthful“ gestaltete sich als emotionale Zerreißprobe um überhaupt vom berieseln lassen in einen Status zu kommen, der an das herkömmliche Verfassen einer Kritik erinnert, doch mit „Both Ways Open Jaws“ scheint dies absolut unmöglich. Bereits zum sechsten Mal wird der Waschzettel beiseite gelegt um die überragende Verschmelzung aus multiinstrumentalem Wahnsinn und kontrolliertem Unfug in vollen Zügen zu genießen. Dabei läuft das sukzessive Werk zum Nummer 1-Album aus Frankreich seit gut zwei Wochen konstant im Mp3-Player, egal ob beim Einkaufen, auf dem Weg zur Universität, von A nach B, wenn mal wieder Nichts im Fernsehen läuft oder die Zeit nach einer durchdachten, sensationell fesselnden, unbeschreiblich süchtig machenden Platte verlangt.

„I´m constantly after the ideal song, I believe in a song´s healing powers. As long as the song exists in itself with just one instrument and vocals, then we can start arranging it in a million ways. The basic recipe will remain immutable” erklärt Olivia Merilahati das scheinbar simple Rezept hinter den beeindruckenden Kompositionen, die sie gemeinsam mit Dan Levy entwirft. Die Möglichkeit, die Songs „in a million ways“ ausbrechen zu lassen, darf nach „Both Ways Open Jaws“ jedenfalls blind unterschrieben werden. Hier bekommt nämlich nicht nur das Indie-affine Volk seinen Anteil zugesprochen, sondern auch Prog-Pop-Fans, die ansonsten Malajube hören („The wicked & the blind“), afrikanische Polyrhthmen finden Unterschlupf, so ziemlich jedes perkussive oder für den Entstehungsprozess notwendige Instrument darf zum detaillierten Klangerlebnis beitragen oder normale Alltagsgegenstände finden bei The Dø ihre neue Bestimmung. Sogar ein kurzes Luftholen oder die allumfassende Stille („Dust if off“) gesellen sich zum unerschöpflichen Fundus der beiden Wahlfranzosen.

Einzelne Songs herauszugreifen fällt daher besonders schwer, da jedes noch so kleine Steinchen in einem The Dø-Mosaik für dessen unnachahmliche Wirkung verantwortlich ist und einen Song wie Too insistent als melancholisches Kleinod zu bezeichnen, „Slippery slope“ mit einem Veitstanz im Peyote-Rausch zu vergleichen, „The calendar“ auf eine Mischung aus „Mercedes Benz“ und „Swing low sweet chariot“ einzugrenzen oder „Bohemian dances“ mit seinem rhythmischen Wassersprinkler (!!), den dunklen Streicherteppichen, Klanghölzern und Rasseln die Bezeichnung „ultimative Feelgoodnummer“ zukommen zu lassen, einfach nicht ausreichend wäre um die majestätische Zerbrechlichkeit, das Drama und die euphorische Performance von Olivia in diesen Tracks annähernd greifbar zu machen. Abgesehen davon spukt z.B. mit dem Instrumental „B.W.O.J.“ ein elektrifizierter Tagtraum auf der Scheibe umher, der sich dem eigentlich ruhigen Duktus des Albums und herkömmlichem Schubladendenken gänzlich entzieht.

Etwas einfacher machen es einem The Dø dafür dieses Mal mit dem Gesang. War Frau Merilahati auf „A Mouthful“ noch die windschiefe Elfe, die Björk, Patti Smith und Joanna Newsom in einer Person vereinen wollte, so ordnet sie sich nun der Musik unter und verzichtet auf extravagante Stimmführungen, Sprechgesang oder seltsame Ausbrüche. Dies bedeutet zwar nicht, dass Olivia plötzlich zu Everybody´s Darling avancieren wird, aber der Zugang zu den genialen Klangkonstrukten wird wenigstens nicht von derartigen Stolpersteinen erschwert. Dies wäre auch verdammt schade, denn „Both Ways Open Jaws“ ist eine unerschöpfliche Fundkiste an eigentümlichen Klängen und Rhythmen, die von zwei Freigeistern zu etwas ganz Speziellem verwoben wurden. Hinzu kommt eine glasklare, authentische Abmischung und fertig ist die bislang beste Indie-Platte des noch recht jungen Jahrzehnts. I have seen the future of (Indie-)Pop and his name is The Do. Nuff said!

Anspieltipps:

  • Dust If Off
  • Too Insistent
  • The Calendar
  • Slippery Slope
  • Gonna Be Sick!
  • Bohemian Dances
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