The Black Keys - El Camino - Cover
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The Black Keys El Camino


  • Label: Nonesuch/WEA
  • Laufzeit: 38 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
7.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Rock im Großformat, der trotzdem Blues ist und nichts als glücklich macht: The Black Keys veröffentlichen ihren dritten Meilenstein hintereinander.

Langsam wird es gruselig. Sie waren ein schrammeliges, im Schatten der übergroßen White Stripes stehendes Garagen-Band-Duo aus Akron, Ohio, alles andere als einem kulturellen Mekka der USA. Resolut ging es mit jedem Album ein Stück nach vorn, ein Stück in Richtung musikalischer Relevanzerhöhung. „The Big Come Up“, „Thickfreakness“ und das bis heute unterschätzte, großartige „Rubber Factory“ waren diese charmanten, übersteuerten und dreckigen Heimkelleralben von talentierten Jungs, die immer nur Rock-Musik machen wollten, und ganz viel Blues dabei ausschwitzten. „Magic Potion“ dann, deutete an, dass die Keys noch wesentlich mehr können, als die beiden niedlichen Keller-Jungs zu sein, die traurige, aber mitreißende Lieder über Liebe schreiben. Akteure mit Geschmack stießen auf sie, ihre Qualität begann sich nicht nur in Dividenden auszuzahlen, Danger Mouse produzierte ihren ersten Meilenstein „Attack & Release“, anno 2008, indem er ihr Potenzial unaufdringlich deutlich herauszuproduzieren wusste.

Seitdem ist der sky the limit für Dan Auerbach und Patrick Carney. Ihr Klang reifte zum Bandsound, mit Bass, Keyboard, zweiten Gitarren und Chören, alle anderen Produktionsgimmicks des 21. Jahrhunderts sind bis heute bei ihnen verpönt. Die Grammy-Auszeichnungen, der Soul und Alternative Rock miteinander versöhnende Mainstream-Bestseller „Brothers“, die ganz großen Festival-Auftritte, die Late-Night-Show-Abstecher, die großen Stadiumshows: es ist schwer seit ein wenig mehr als einem Jahr an den Black Keys vorbeigegangen zu sein, wenn man sich für Musik interessiert.

Eine richtige feel-good-story ist ihr Werdegang, ein Aufstieg, wie ihn sich jede echte Rockband ersehnt. Und dennoch kommunizieren Lyrics und Interviewaussagen litaneiartig ihre gesunde Blueseinstellung, die sich seit den ersten Kellerprobentagen nicht verändert zu haben scheint: Liebe: es gibt keine Gewissheiten. Erfolg: ist, erstens, immer abhängig von unkalkulierbaren Faktoren und, zweitens, immer endlich. Es ist diese Mischung, die sich auch in ihrem Rock widerspiegelt, die Auerbach und Carney zu den sympathischsten, bodenständigsten und authentischsten Protagonisten im Rock-Zirkus macht.

Im Vergleich zum nun vorliegenden „El Camino“, hat „Brothers“, das vielleicht beste Rock-Album des letzten Jahres, sogar Schwächen. Es war ihr erster bewusst geplanter Stadion-Rock-Entwurf und daher ein achterbahnartiger Ritt durch Repertoirevermögen. „El Camino“ mutet dagegen wie der sichere Abschuss des Amorpfeils an, den man auf sich zu rasen sieht, aber nicht auszuweichen vermag. Auerbach und Carney haben inzwischen verinnerlicht, dass sich ihr Leben signifikant verändert hat. Deshalb ziert, als eine Art Abschied und Hommage, der alte, treue, per Kleinanzeige verkaufte Tour-Van, „El Camino“, das Cover und den Albumtitel: sie wissen, sie werden höchstwahrscheinlich nie wieder zu zweit mit einem Kleinbus durch die USA tingeln, Equipment, Klamotten und die geteilte Toureinsamkeit im Gepäck. Die Keys reisen jetzt first-class und so auch der Hörer auf einem Album, das Perfektion und Spaß, Glückseligkeit und skeptische Reflektiertheit zu vereinen versteht. „I got a love that keeps me waiting/I’m a lonely boy“,„She’s the worsted thing I’ve been addicted to/Oh no, I run right back/Run right back to her”, „All your enemies will smile when you fall/You’ll take it cause you don’t know what you want”, „I can’t let go/Oh no/Don’t let it be over”, „Everybody knows that a broken heart is blind”: Auerbachs Lyrics spiegeln nicht im Mindesten seinen jetzigen Kontostand wieder, was ein Beispiel für die alte Weisheit sein könnte, das Geld nicht glücklich macht. Die Seele treibt anderes an, zumindest bei Menschen, die nicht ausschließlich nach Macht streben, solche geben sich ja bekanntlich mit Verfügungsmittel über Macht, also Geld, durchaus mehr als zufrieden.

Trotz der Grammys sind die Keys also nicht zum Christiano Ronaldo des Blues Rock geworden und untermauern dies auf „El Camino“ auf atemberaubend eindrückliche Weise. „Lonely Boy“, „Gold On The Ceiling“, „Run Right Back“, „Stop, Stop”: dieses Album hat so viele Killer, so viele wunderschön traurige und simultan ergreifend glücklich machende Songs, es macht keinen Sinn einen herauszustellen. „El Camino“ ist eine reinigende Messe des Blues, und zwar eine, die alles ordentlich durchrockt.

Anspieltipps:

  • Lonely Boy
  • Gold On The Ceiling
  • Run Right Back
  • Stop Stop
  • Sister
  • Nova Baby
  • Mind Eraser

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