Pearl Jam - Pearl Jam Twenty - Cover
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Pearl Jam Pearl Jam Twenty


  • Label: Epic/Sony Music
  • Laufzeit: 119 Minuten
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Pearl Jam - Pearl Jam Twenty
10 1 9/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Pearl Jam sind noch heute eine relevante Band und noch längst nicht altersmüde.

Nun ist er da, der Gipfel, der diesjährigen Jubiläumsfeierlichkeiten für die Ausnahmeband aus Seattle. Nach einem weiteren Livealbum, dem Deluxe-Doppel-Reissue von „Vs“ und „Vitalogy“, einem Festivalwochende im Alpine Valley Music Theatre in East Troy (Wisconsin), sowie dem Soundtrack zu „Pearl Jam – Twenty“, gibt es nun die mit Spannung erwartete Dokumentation, für deren Erstellung Band-Intimus Cameron Crowe verantwortlich zeichnet, der für Filme wie „Almost Famous“, „Vanilla Sky“ oder auch „Singles“ bekannt ist. Crowe hat ganze Arbeit geleistet und skizziert die außergewöhnliche Geschichte der nun zwei Jahrzehnte umfassenden Bandhistorie. Dabei hat er sich durch sage und schreibe über 1.200 Stunden Archivmaterial gekämpft und dabei auch so allerlei bisher unbekanntes Material zu Tage gefördert.

Es geht los mit dem tragischen Ende der Pearl Jam – Vorgängerband „Mother Love Bone“ und dem zufälligen Entstehen von „Mookie Blaylock“, die sich kurze Zeit später in „Pearl Jam“ umbenennen sollten. Dabei erfährt man am Rande, dass Gitarrist Stone Gossard anfangs gar nicht unbedingt begeistert war, nach dem Ende von „Mother Love Bone“ mit seinem alten Weggefährten Jeff Ament weiterzuarbeiten. Man wird Zeuge, wie sich Pearl Jam mit ihrem Debüt „Ten“ schnell einen Namen machen und einen beispiellosen Siegeszug antreten. Dabei spielt selbstredend auch der medial befeuerte und bis ins Mark ausgeschlachtete Seattle- und Grunge-Hype der frühen Neunziger Jahre eine nicht unwesentliche Rolle. Ein gefundenes Fressen waren auch die Stimmen eines gewissen Kurt Cobain, der sich nicht allzu wohlwollend über die Musik von Pearl Jam äußerte. Die Medienwelt witterte eine große Rivalität zwischen Pearl Jam und Nirvana. Den Gefallen machten die Bands den Medien jedoch nicht. Cameron Crowe hat in diesem Zusammenhang eine bemerkenswerte Aufnahme aufgetrieben: Vedder und Cobain backstage Arm in Arm tanzend. Es sind Momente wie diese, in denen der Zuschauer merkt, dass hier jemand ganz tief gegraben hat.

Es gibt auch einige wenige, aber wirkungsvoll eingestreute Sequenzen aus der damaligen TV-Landschaft, die den Wahnsinn weiter einmal untermauern. „Pearl Jam“ als Rategegenstand bei den Sendungen „Jeopardy“ und „Glücksrad“, überteuerter „Grunge-Look“ auf Modenschauen und andere Irrsinn. Der Hype und der Erwartungsdruck werden der Band schnell zu viel und sie steuert schon bald entschieden dagegen. Ein Beleg für diesen Umschwung sind unter anderem bisher unbekannte Mitschnitte des verstörenden Auftritts bei der offiziellen Party zum Film „Singles“. Die Band ist schwer alkoholisiert und legt – bewusst – einen desaströsen und aggressiven Auftritt hin. Vedder ist schwer bemüht, die Frequenz diverser „F-Wörter“ zu maximieren. Ein Fiasko. Die Band war mit den Nerven am Ende und zieht sich zurück, um fortan nur noch nach den eigenen Regeln am Rock-Zirkus teilzunehmen. Die Medien werden boykottiert, der Konzertveranstalter Ticketmaster ins Visier genommen und bei alledem weiterhin in kurzen Abständen hochwertige und zeitlose Rockmusik geschrieben und veröffentlicht.

Einen besonderen Charme erhält die Dokumentation nicht nur durch die Aufbereitung seltenen oder noch nie gesehen Materials, sondern vor allem auch dadurch, dass Crowe die Chance genutzt hat und mit allen fünf Bandmitgliedern längere Einzelinterviews geführt hat. Des Weiteren kommen auch Wegbegleiter wie etwa Chris Cornell (Soundgarden, Audioslave) zu Wort. Passagen aus diesen Interviews begleiten die zu sehenden knappen zwei Stunden und es ist interessant, insbesondere die früheren Jahre aus der heutigen Sicht, quasi aus erster Hand noch einmal kommentiert zu bekommen.

Gut möglich, dass Crowe ein Stück weit befangen ist und journalistische Distanz vermissen lässt. Er ist nun einmal bekennender Fan. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, auch kritische Momente zu beleuchten. So wird deutlich, wie sehr es vor allem Stone Gossard gewurmt hat, dass er nach den ersten beiden Alben seine kreative Vormachtstellung vor allen zugunsten Eddie Vedders verloren hat. Man erfährt, dass es Mitte der Neunziger eine Zeit gab, wo die Trennung greifbar schien, als die Band mit dem Flieger von Auftritt zu Auftritt flog, Vedder jedoch auf eigene Faust mit einem Van hinterherfuhr, weil er jeweils noch Radioshows spielen wollte und eine „Do-It-Yourself“ – Phase durchlebte. Die größte Bewährungsprobe war jedoch zweifelsohne die Tragödie von Roskilde, als im Jahr 2000 neun Fans bei einer Massenpanik ums Leben kamen. Crowe behandelt diese schwierige Phase mit Respekt und es wird deutlich, wie sehr die Band noch heute unter den Geschehnissen leidet.
Doch Pearl Jam haben es geschafft. Sie sind noch heute eine relevante Band und noch längst nicht altersmüde. Als Vedder an einer Stelle gefragt wird, wie es denn dazu kommen konnte, dass die Band auch die zweiten zehn Jahre überstanden hat, fehlen dem Sänger die Worte. Aus seinem Gesicht liest man stattdessen eine Mischung aus Erstaunen, Dankbarkeit, Stolz und Ratlosigkeit.

Man könnte die Liste außergewöhnlicher Momente noch sehr lange fortsetzten, doch das würde hier zu weit führen. Fazit: Cameron Crow hat ganze Arbeit geleistet und eine sehr liebevolle und berührende Dokumentation geschaffen, die die ereignisreiche Bandgeschichte so gut erzählt, wie es der Rahmen von zwei Stunden eben ermöglicht. Es gibt lediglich zwei kleine Kritikpunkte: Zum einen wird die Schlagzeugerfluktuation zwar sehr humorvoll, aber doch arg kurz behandelt und zum anderen ist es schade, dass die einzelnen Alben und die musikalische Entwicklung ein wenig untergeht. Gerade über die jüngsten Alben wird so gut wie kein Wort verloren. Trotzdem: Beeindruckende und seltene Bilder, hochinteressante Hintergrundinformationen und natürlich großartige Musik. Was will man mehr? Happy Birthday Pearl Jam! Auf die nächsten zwanzig Jahre…

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