Polinski - Labyrinths - Cover
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Polinski Labyrinths


  • Label: Monotreme/CARGO
  • Laufzeit: 43 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Fragt man Musiker nach ihren ersten Instrumenten, kann man in deren Gesichtern oft Nostalgie und Leuchten ausmachen. Da werden Saiten gestreichelt, Holz begutachtet oder Metall poliert. Im Fall von Paul Wolinski – Polinski – wird die Tastatur des PCs gesäubert. Erinnert an die Anfangszeiten, als er noch kleine MIDI-Dateien erstellte und Töne aus Gleichungen im Programm erstellte rühren den Musiker zwar nicht zu Tränen, sorgen aber genau für die beschriebene Nostalgie. Dieser Klang, der unnatürlich treibend wirkt und noch heute in Update-Form von den Dance-Größen der Charts genutzt wird.

Paul Wolinski lässt die Tron-Ära wieder auferstehen und sorgt mit – aus heutiger Sicht – schon altertümlicher Elektronik für ein Retro-Gefühl, das trotzdem nicht altbacken wirkt. Vielleicht ist auch der wiederkehrende Trend der Synth-Arrangements daran Schuld, dass der Hörer eher an modernen Rave und Electronica denkt, wenn „1985 – Quest“ das Album mit Ohrwurmmelodie aus dem Rechner eröffnet. Einfach, eingängig und Energie geladen offenbart sich die Musik von Polinski auf seinem Solo-Album „Labyrinths“. Paul Wolinski offenbart im Opener ein Gespür dafür, den Hörer nicht mit Synth-Wellen zu übermannen, sondern durch einen minimalistischen Ansatz eine Klangwand aufzubauen, an die man sich gern lehnt. Ausnahmen wie „Stitches“ und „Tangents“, die völlig überladen schnell Nerven raubt, bestätigen glücklicherweise die Regel.

Zwar sind zwei Titel auf einem 7-Titel-Album schon ein ordentlicher Anteil, doch der Schaden hält sich in Grenzen. „Still Looking“ allein macht als opulente Reise durch die Möglichkeiten einfacher Soundprogramme die Missgriffe in die moderne Chartwelt vorher wett. Strukturierte Klangabläufe, die stets Entwicklung suchen und sich durch Geben und Nehmen von Details in immer neue Klangbilder verwandeln sind ein echter Mehrwert für Elektronik-Fans. Auch wenn gerade die vollgestopften Parts schnell an die Grenze der Erträglichkeit stoßen, sei ihnen ihr Dasein als Anregung zum Tanzen genehmigt. Wenn diese Abschnitte wie in „Kressyda“ dann auch noch die Entwicklung der kompletten Tonpalette Polinskis darstellen, dann vergeben auch die ruhigeren Geister den verwaschenen Momenten.

Von Ballade bis Tanz-Monster ist Polinski alles möglich, was er gerade im Abschluss „Awaltzoflight“ deutlich macht. Die Bandbreite elektronischer Musik wird hier erforscht, ohne es in einer bestimmten Richtung zu übertreiben. Polinski will weder altmodisch, noch postmodern klingen. Die Melodie erhält keinen Vorzug vorm Rhythmus und der Effekt darf auch sich selbst Willens ertönen, allein um die Möglichkeiten dieser Musikrichtung zu offenbaren. So geht hin und wieder der Fluss für den Hörer verloren oder der Sound wabert nur noch vor sich hin, doch die Gesamterfahrung des Albums lässt so viele Eindrücke zu, dass man Paul Wolinski nur dazu gratulieren möchte, wie gelungen sein Experiment ist. Abgesehen von ein paar melodischen und strukturellen Schwächen hat die Kunst in „Kressyda“ genauso gewonnen, wie die tanzwütige Generation, die zumindest „1985 – Quest“ auf Händen tragen dürfte. So definiert man wohl eine Win-Win-Situation.

Anspieltipps:

  • 1985 - Quest
  • Still Looking
  • Kressyda

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