Rush - Time Machine 2011 - Cover
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Time Machine 2011


  • Label: Edel Records
  • Laufzeit: 164 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung
6.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Humor hatten die drei Jungs von Rush schon immer. Sie nehmen ihre Musik und ihre Auftritte ernst, aber nicht sich selbst. Bereits auf der letzten Konzertaufnahme „Snakes And Arrows Live“ haben sie kurze Videos aufgenommen in denen sie verschiedene seltsame Persönlichkeiten darstellen und kleine Sketche aufführen. Diese Videos dienen meist als Konzerteinleitung oder bei der Überbrückung der Pause zwischen zwei Sets. Auch diesmal haben die Kanadier etwas vorbereitet, humoristische Episoden über die Geschichte von Rush. Passend zum Thema der Tour mit dem Namen „Time Machine“ kommt natürlich eine musikalische Zeitmaschine vor, der ominöse „GeFilter“. Hintergrund der Zeitreise ist das 30jährige Jubiläum des wohl bekanntesten Albums des Trios „Moving Pictures“, das zum ersten Mal vollständig und am Stück live gespielt wurde. Das Publikum in Cleveland (historisch wichtig, weil hier Rush zum ersten Mal im Radio gespielt wurde) hat es jedenfalls begeistert aufgenommen.

Rush spielen meist wenige aber sehr große Konzerte, auf einer kleinen Bühne würde wahrscheinlich das Schlagzeug von Neil Peart ausreichen um sie vollständig zu füllen. Wer hat schon sonst ein so monströses 360°-Schlagzeug, außer vielleicht Mike Portnoy, dessen Vorbild nicht umsonst Neil ist. Außerdem könnten sie sonst ihre immer sehr ausgefallene und witzige Bühnengestaltung erst gar nicht umsetzen. Sie nehmen schon seit Ewigkeiten die ganzen Bands auf den Arm, die ganze Batterien an Verstärkern auf der Bühne aufbauen, weil diese heutzutage kaum Verwendung finden, sie sind in den meisten Fällen lediglich ein optisches Element auf der Bühne. Geddy Lee hatte daher schon Waschmaschinen oder Grillhähnchenautomaten hinter sich stehen und diesmal ist es eben eine komplexe Zeitmaschine mit Uhren und Bildschirmen, die in vier Bereiche unterteilt ist: real time, half time, bass time und sausage time, wobei aus dem letzten Teil tatsächlich fortlaufend eine Würstchenkette ausgespuckt wird. Ein Roadie ist für die Betreuung zuständig und wirft ab und an einige Hühner(stofftiere) für die Würstchenproduktion in die Zeitmaschine. Der „GeFilter“ steht übrigens auch auf den Brettern.

Optisch hat somit jede neue Tour viel zu bieten, allein schon der Lichtaufbau über der Bühne dieses Konzerts fasziniert, der wie eine Spinne wirkt, die ihre Beine in alle Richtungen bewegt. Aber auch akustisch wird es bei Rush nie langweilig, denn sie können aus 18 Alben schöpfen, die sie während ihrer mittlerweile 37jährigen Karriere (von der aktuellen Bandbesetzung ausgehend) aufgenommen haben. Und das tun sie auch. Jede DVD der Band beinhaltet eine neue Setlist aus Klassikern und zuletzt nicht gespielten Songs und bei einer Konzertdauer von 2,5 Stunden lässt sich so einiges unterbringen und austauschen. Auch diesmal haben sie es geschafft alte Perlen mit weniger bekannten Songs und sogar zwei neuen Titeln („BU2B“ und „Caravan“) des im nächsten Jahr erscheinenden „Clockwork Angels“ perfekt zu vermischen. Die neuen Titel wirken dabei ein Stück härter als die des letzten Albums „Snakes And Arrows“, aber fügen sich nahtlos in den Rest der Show ein.

Relativ weit hinten im zweiten Set kommt das obligatorische Neil Peart Schlagzeugsolo, diesmal nicht als „Der Trommler“ oder „De Slagwerker“ sondern als „Moto Perpetuo“ tituliert. Ohne unnötiges Tempogebolze präsentiert Neil kleine Kompositionen, die er von Tour zu Tour ausbaut, dabei benutzt er ein klassisches und elektronisches Drumkit, wobei sich das auf einer Plattform stehende Schlagzeug (natürlich in spezieller „Time Machine“-Optik) dafür um 180 Grad dreht. Der 5.1-Klang kommt untypischerweise sehr homogen über alle Lautsprecher wodurch die hinteren Boxen ein wenig zu laut sind und nachjustiert werden müssen. Dafür fühlt sich der Hörer deutlich mehr mitten im Geschehen als bei den meisten Frontlastigen Abmischungen von Konzerten. Der Sound könnte zwar besser sein, aber vermittelt dafür Livefeeling. Das Bonusmaterial ist gering aber sehr schön mit unter anderem zwei Uralt-Aufnahmen in grottiger Videoqualität aus der Anfangszeit von Rush (ein Auftritt in einer Schule!), absolute Raritäten, die sonst wohl niemand zu Gesicht bekommen hätte.

Rushs individuelle musikalische Klasse ist unglaublich, dabei bleiben sie immer bodenständig und entschuldigen sich sogar für jegliche übertriebene Selbstdarstellung wie in „Leave That Thing Alone“. In diesem Song ist zu sehen welch begnadeter Bassspieler Geddy Lee ist, aber auch sonst ist nicht zu verkennen, dass er gerne aus seinem Bass eine zweite Leadgitarre macht. Bei all dem technischen Können und deren Möglichkeiten vergisst das Trio nie die Essenz eines Songs, all die Spielereien sind immer die Würze aber kein Hauptbestandteil der Lieder, wodurch sie schon immer ein großes Spektrum an Rockhörern angesprochen haben und bis dato eine der beliebtesten Prog-Bands sind. Sehr detailverliebt liefern Rush eine grandiose Show nach der anderen ab, so dass sich der Kauf einer Blu-Ray/DVD, die nicht gerade selten erscheinen, immer wieder lohnt. „Time Machine 2011“ ist hierbei keine Ausnahme.

Anspieltipps:

  • The Spirit Of Radio
  • Leave That Thing Alone
  • Tom Sawyer
  • Moto Perpetuo
  • 2112 Overture / The Temples Of Syrinx

Dieser Artikel ging am um 07:59 Uhr online.
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