Sylvan - Sceneries - Cover
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Sylvan Sceneries


  • Label: Sylvan Music/Rough Trade
  • Laufzeit: 91 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Alben von Sylvan zeichneten sich bisher, wie es üblich im Prog-Rock ist, durch einen Longtrack aus, in dem alle Register der komplexen Kompositionskunst gezogen werden, aber nicht auf der Frickelschiene sondern dem komplexen Wohlklang verschworen. Dieses Mal besteht das Album nur aus solchen überlangen Songs, fünf an der Zahl, die zusammen mit stolzen 91 Minuten zu Buche schlagen und entsprechend auf zwei CDs verteilt sind. Nicht umsonst sind auf dem Cover die vielen gestapelten Bücher zu sehen, denn das Album ist wie ein Buch in fünf Kapitel unterteilt, die zur besseren Navigationsmöglichkeit auf der CD wiederum in kleinere Handlungsstränge geteilt wurden. Tatsächlich könnte jeder Song für sich ein Buch füllen mit all seinen Wendungen und seiner erzählerischen Fülle. Die Vielschichtigkeit und der kompositorische Anspruch geht aber oft auf Kosten von ausdrucksstarken, einprägsamen Melodien, wodurch sich keiner von den 15- bis 20-Minuten Kolossen hervorheben möchte. Die Melodien herauszuschälen bedarf einiger Zeit, viel Zeit, sehr viel Zeit, unter Umständen kann eine Betrachtung in Etappen Abhilfe schaffen sich diesem großen Werk zu nähern.

Die Kompositionen der Hamburger sind alle von gleichbleibender hoher musikalischer Qualität, keine Frage, aber trotz all der Fülle, den vielen Wechseln zwischen gefühlvollen Gitarrensoli, rhythmischen Riffs und Akustikmotiven, fehlt quasi die Abwechslung in all der Abwechslung. Kennt man ein Kapitel, kennt man im Grunde alle, denn es fehlt ab und zu mehr Biss, härtere Einlagen, längere ruhige oder einige unkonventionelle Passagen, um es kurz zu sagen mehr direkte Gegensätze (nicht die Dynamik in der Musik, denn das Album ist sehr gut abgemischt!). Die Musik fließt zwar wunderschön durch ihre Landschaft mit einigen Kurven und Biegungen, aber die sind so glatt, harmlos und ungefährlich, dass beim Donaudampfschifffahrtskapitän keine prickelnde Anspannung aufkommen möchte, es fehlen die Kanten und Herausforderungen. Für den einen oder anderen könnte dies aber genauso sehr positiv aufgenommen werden, als ein episches, mehr symphonisches Album, das viel ausgeglichener ist als seine Vorgänger.

Das letzte Album „Force Of Gravity“ hat nämlich sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen, dabei war es eine sehr schöne Zusammenfassung der Bandgeschichte, abwechslungsreich und mit vielen Stilmerkmalen versehen, die die Band im Laufe der Zeit ausprobiert hat. Ein wunder Punkt war der extrem mit Pathos und Traurigkeit überladene Gesang von Marco Glühmann, der ihn nun mal auszeichnet und den er auch wunderbar beherrscht. Auf „Sceneries“ ist dies etwas anders, sein Gesang ist anders abgemischt, nicht mehr so vordergründig, außerdem monotoner, ohne so deutliche Gefühlsausbrüche wie zuletzt. Das könnte natürlich der komplexen Musik geschuldet sein und einer entsprechenden Anpassung daran.

„Sceneries“ ist trotz der Kritik ein schönes Album, an das man selbst erst heranreifen muss, um es vollständig zu verstehen und auch genießen zu können. Nach und nach entfaltet jedes Kapitel interessante und charakteristische Motive, ob nun Melodien oder Rhythmen. Auffällig ist dabei wie gut sich der Gitarrist Jan Petersen mittlerweile in die Band integriert hat. Sylvan sind und bleiben damit neben RPWL die wohl wichtigste deutsche Band im Bereich Progressive und Art-Rock, die durch immer wieder neue Ansätze beweist, dass sie keine Veränderung scheut, sich weiterentwickelt und somit immer interessant bleibt (auch wenn die Musik natürlich kein Neuland in dem Bereich darstellt). Ein Attribut, dass für viele Genregrößen leider nicht gilt.

Anspieltipps:

  • eins von den Chaptern in seiner Gänze

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