Van Halen - A Different Kind Of Truth - Cover
Große Ansicht

Van Halen A Different Kind Of Truth


  • Label: Interscope/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 50 Minuten
Artikel teilen:
6/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Hooks, Riffs und Melodieansätze klingen wie aus längst vergangenen Zeiten.

Mitte November des vergangenen Jahres wurde das Wettbieten um die Rechte an dem lang angekündigten Comeback-Album der Hardrock-Urgsteine Van Halen aus Los Angeles offiziell als beendet erklärt. Nachdem zuerst Columbia Records (Sony Music) die besten Chancen zu haben schien, machte nach 35 Vertragsjahren bei Warner Bros. am Ende Interscope Records (Universal) überraschend das Rennen als neuer Vertragspartner der Band. Zum Glück scheinen sich die Majors noch um eine altgediente Band wie Van Halen mit Wurzeln in den 70er Jahren zu reißen. Man stelle sich nur vor, die Gruppe wäre wie so viele Genrekollegen vor ihr, auf der Resterampe des italienischen Labels Frontiers Records (Mr. Big, Whitesnake, Extreme, Toto) gelandet. Einfach nur peinlich. Klappe zu, Affe tot!

Scheinbar erhielten die Van Halens (Eddie, Alex und Wolfang) und Rückkehrer David Lee Roth am Mikro aufgrund ihrer mehr als 75 Millionen verkauften Tonträger eine gute Portion Vertrauensvorschuss, da das „A Different Kind Of Truth” betitelte Werk zum Zeitpunkt der Vertragsunterschrift noch nicht fertiggestellt war. Denn immerhin galt es zu bedenken, dass das bis dato letzte Van-Halen-Studioalbum „Van Halen III“ (1998) sowohl künstlerisch als auch kommerziell ein kapitaler Flop war. Doch mit dem letzten Feinschliff durch Allround-Produzent John Shanks (u.a. Bon Jovi, Miley Cyrus, Michelle Branch, Backstreet Boys) sollte diese Scharte nun ausgemerzt werden können, auch wenn im Vorfeld bekannt wurde, dass nicht alle Songs taufrisch sein würden.

Dadurch verwundert es nicht, dass einige Hooks, Riffs und Melodieansätze wie aus längst vergangenen Zeiten klingen, selbst wenn diese nicht immer gut waren. So weckt bereits der Opener „Tattoo” als Groove-Rocker Erinnerungen an die Kollegen von Extreme, deren Ex- und inzwischen wieder Sänger Gary Cherone (50) auf dem „Van Halen III“-Album das Mikrophon von Samy Hagar übernommen hatte und dabei eine seiner schmerzlichsten Karriere-Bauchlandungen hinlegte.

Wie bei so vielen Comebacks, steht zu allererst die Frage im Raum, ob die Künstler in Hinblick auf ihr neues Material in Würde gealtert sind oder ohne Not die Zerstörung ihres eigenen Denkmals in Angriff nehmen. Auch Van Halen kommen um diese zentrale Frage nicht herum, vergleicht man allein das Erscheinungsbild von David Lee Roth zu „1984“-Zeiten und heute. Die schrillen Outfits und Songs á la „California girls“ seiner Solodebüt-EP sollte er inzwischen jedenfalls tunlichst im Schrank lassen.

Die gute Nachricht für die frühen Van-Halen-Fans der 70er Jahre: Die Band klingt auf „A Different Kind Of Truth” zu keiner Zeit modern oder anbiedernd. Die schlechte Nachricht für die 80er-Jahre-Van-Halen-Fans: Das Quartett schafft es zu keiner Zeit, die Melodien und Hooklines ihrer kommerziellen Hochzeit mit den Alben „1984“ (1983), „5150“ (1986) und „OU 812“ (1988) zu reproduzieren. Somit spielt sich das Geschehen irgendwo dazwischen ab. Will heißen, Keyboard- und Synthiepassagen sind zwar noch vorhanden, bekommen aber weit weniger Raum zugesprochen. Dafür darf Bandchef Eddie Van Halen mehr Kunststücke auf seinen sechs Saiten vorführen und David Lee Roth stimmlich weiter im Vordergrund agieren als sein Nachfolger und Vor-Vorgänger Samy Hagar.

Auf dieser Grundlage entstand ein solider Longplayer, dem man seine Urheber auf Anhieb anhört. Schließlich zählt Eddie Van Halen zu den ganz wenigen Gitarristen, die der Hörer allein an seiner Spieltechnik erkennt und David Lee Roths (57) Organ ist ebenfalls noch extrem präsent. So darf sich der geneigte Konsument auf Trademark-Soli („She’s the woman“) und Licks („You and you blues”) sowie stimmliche Extravaganzen („Blood and fire”) freuen. Dabei ist die Produktion ist ziemlich rau ausgefallen und lässt ein ums andere Mal den Verdacht aufkommen, als hätten Van Halen First Takes aus dem Proberaum verwendet.

Was also tun mit einem Album, das irgendwie nicht in die Zeit passt, weil es weder in die moderne noch in die altmodische Schublade passt? Hauen wir einfach den Stempel „klassisch“ drauf und freuen uns darüber, dass „A Different Kind Of Truth” kein Ausfall geworden ist und ärgern uns ein wenig, weil es auf der anderen Seite auch keine große Jubelarien ernten wird.

Anspieltipps:

  • Bullethead
  • Stay frosty
  • She’s the woman
  • The trouble with never

Neue Kritiken im Genre „Hardrock“
6.5/10

Snakes & Ladders
  • 2017    
Diskutiere über „Van Halen“
comments powered by Disqus