Motorpsycho - The Death Defying Unicorn - Cover
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Motorpsycho The Death Defying Unicorn


  • Label: Stickman/SOULFOOD
  • Laufzeit: 84 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
7.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Wem die Musik von Motorpsycho schon immer zu heftig, anspruchsvoll, kompliziert und vielleicht auch abgedreht war, wird mit „The Death Defying Unicorn“ vor eine besonders harte Prüfung gestellt.

Wenn die norwegische Kultband Motorpsycho mit einem Orchester zusammenarbeitet, dann klingt das Ergebnis nicht wie die meisten x-beliebigen Kollaborationen, bei denen die ratlosen E- und U-Musiker aneinander vorbeispielen, sondern wie eine eigens kreierte Rockoper: „The Death Defying Unicorn“.

Bei dem Selbstverständnis, das die Norweger von sich und ihrer Musik haben, eigentlich eine klare Sache. Doch die Anfänge dieser Idee verliefen alles andere als rund und gehen zurück auf das Jahr 2009, als Motorpsycho eine Anfrage des Jazz-Keyboarders Stale Storlokken erhielten, zusammen mit ihm und dem Trondheimer Jazzorchester ein Konzert für das 2010er Mole International Jazzfestival zu entwickeln.

Für die Umsetzung wurden nicht einfach alte Stücke neu arrangiert, sondern – wie es der Fan von einer Band wie Motorpsycho erwarten darf – neue geschrieben. Am Ende stand ein zwei Stunden dauerndes Instrumentalkonzert, das die Band nicht so richtig überzeugen konnte. Daraus resultierte die Idee, das Ganze noch einmal zu überarbeiten und die Essenz in Form eines üppigen Doppelalbums (auf dem nun auch Gesangsspuren enthalten sind!) aufzunehmen.

Wem die Musik von Motorpsycho schon immer zu heftig, anspruchsvoll, kompliziert und vielleicht auch abgedreht war, wird mit „The Death Defying Unicorn“ vor eine besonders harte Prüfung gestellt. Allein das stattliche Bläser-Ensemble überbietet sich in dissonanten Klangkanonaden, dass die Ohren Samba tanzen. Wenn sich dann auch noch Streicher, E-Gitarren und die Rhythmusfraktion einschalten, bedarf es starker Nerven auf Seiten des Hörers, der nur beruhigt werden kann: Ja, all diese Noten haben einen Namen und man darf sie exakt in dieser Reihenfolge spielen!

Mit dröhnender Kirchenorgel und Breitwandklängen wie in einem Hollywood-Soundtrack wird der Hörer auf dem zweiten Silberling empfangen („Oh, Proteus – a prayer“) und förmlich niedergewalzt von der klanglichen Urgewalt („Oh, Proteus – a lament“). Dabei war zu hoffen, dass Motorpsycho den Gipfel des Wahnsinns mit „Into the gyre“ bereits erreicht haben – ein Song, der mit seinen Streicher- und Bläserparts sowie dem auffallenden Harmoniegesang streckenweise wie ein Überbleibsel der „Pet Sounds/Smile“-Phase der Beach Boys klingt.

So fällt ein Fazit schwer. Motorpsycho orgeln unerschrocken drauflos und kreieren eine eigene Form des progressiven Jazzrock, der – nett formuliert – sehr anstrengend wirkt und vom Hörer viel Geduld abfordert, da eine eindeutige Richtung nicht erkennbar ist. Das wird bei dem einen oder anderen für Kopfschütteln und Unverständnis sorgen, denn „The Death Defying Unicorn“ ist weder so richtig Fisch (= Jazz) noch Fleisch (= Rock), sondern irgendetwas dazwischen, das den Pressewaschzettel zu folgender informellen Stilblüte hinreißen lässt: „Wie ein Spielmannszug ohne Kopf zieht das Projekt am Neujahrsmorgen, durch eine menschenleere Stadt und fährt den aufgeschreckten Schnapsleichen in Mark und Bein. Aus ihren Instrumenten wachsen schwarze Ranken, die an ihren Enden bunte Blüten tragen. Sie ziehen sich an den Wänden hoch und verwandeln die Stadt in ein schwarzbuntes Labyrinth.“

Anspieltipps:

  • Sharks
  • Into the gyre
  • Into the mystic
  • Through the veil

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